Der rote Punkt im Grau

„Carmen“ von Johan Inger vereinte im Festspielhaus St. Pölten die spanische Tanzgruppe Compania Nacional de Danza und das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, zu einer stilistisch starken Aufführung. Inhaltlich lässt sich aber diskutieren, ob der Geschlechtergewalttopos auch 170 Jahre nach der literarischen Urauflage noch auf die althergebrachte Weise aufzulösen ist.

„Carmen“ von Johan Inger vereinte im Festspielhaus St. Pölten die spanische Tanzgruppe Compania Nacional de Danza und das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, zu einer stilistisch starken Aufführung. Inhaltlich lässt sich aber diskutieren, ob der Geschlechtergewalttopos auch 170 Jahre nach der literarischen Urauflage noch auf die althergebrachte Weise aufzulösen ist.  © Jesús Vallinas

25 MAERZ 2017 Compañía Nacional de Danza: Carmen

Der schwedische Choreograf Johan Inger erteilt in der neuesten Carmen-Adaption - wie vor ihm schon Peter Brook - dem Folklorismus eine Absage und hält sich zumindest größtenteils an seine eigene Vorgabe. Er löst die heißblütige Figur der Zigeunerin Carmen aus kulturellem Kontext und national geprägten Vergegenständlichungen - jedoch nicht aus ihrem charakteristischen roten Rüschenkleid.

Paartherapeuten würden die zwischen Behutsamkeit und Zerstörung oszillierenden Tanzeinlagen Carmens (Kayoko Everhart) und Don Josés (Daan Vervoort) in analytisches Verzücken versetzen. Verführerische und kampflustige Tanzduelle verlaufen im Weichzeichner. Und genau diese Gegensätzlichkeiten exerziert Inger in allen Elementen durch. Wie etwa im Gedankenspiel zwischen Realität und Möglichkeit, an dessen heiklem Punkt die neue Figur Ingers, der „Knabe“ (Leona Sivôs) wurzelt. Dessen hoffnungsfrohes und zerbrechliches „was hätte sein können…“, wiederholt Handgreiflichkeiten Don Josés verhindert und wie ein Mittler auf schon verlorenem Posten wirkt.

Abrupte Stimmungsänderungen, eine wiederholt zweigeteilte Tanzmasse, die nicht selten in Tanzbattles aufgeht, Stillgestelltes und Bewegtes, das Binäre setzt sich fort. Spiegelungen, Alter Egos der Figuren, Schwarz und Weiß. Und alle Graustufen dazwischen, die sich auch in einem monochromen Bühnenbild widerspiegeln, in das sich immer wieder Carmens rotes Kleid verirrt. Die Tiefe der Bühne ermöglicht dem Dunkel, sich schichtweise als Schatten aus dem Bühnenhintergrund nach vorne zu arbeiten. Um die Figuren ins schwarze Aus zu zerren, die zwischen den grau umhüllten Formlosen eine menschliche Gestalt erkennen lassen. Vor Grau wirkt selbst die Farbe des Fleisches bunt. Manchmal gelingt es und mit gellendem Schrei ist da einer weniger. Am Ende holen die dunklen Gestalten, die assoziativ an Freuds Todestrieb kleben, auch Carmen. Alles dreht sich um den roten Punkt im Grau und die Frage, ob der Farbklecks erlischt, dem auch der einzige linguistische Ausdruck des Stücks zukommt, „Carmen“.

Der Verlauf, bis Carmen ihren scheinbar unumgänglichen Tod stirbt, mutet rhapsodisch an. Dem Zuschauer ist kein besonders leserliches Gesicht zugewendet. Teilweise fällt es schwer, eine organische Einheit zu begreifen, was gut zum fragmentarischen Bühnenbild passt. Es gewährt selten Einblick in den gesamten Bühnenraum und bietet den Figuren Platz, ins Nichtsein zu verschwinden. Ein Spiel aus und auf mehreren Ebenen, das durchaus interessanter Schauplatz für stilistisch starke, balletthafte Tanzeinlagen ist.

Aber auch noch so bewundernswerte Stilsicherheit schafft keine Abhilfe, zu vieles lässt schon zur Inhaltsleere hin Interpretationsspielraum offen. Das Ende entleert sich in einem fast orgastischen Moment symbolischer Penetranz und inhaltlicher Plattitüde, als der „Knabe“ nach Carmens Ermordung das puppenhafte Abbild seiner potenziellen Mutter zerreißt.

Zurück bleibt ein am Boden kauernder Don José, ein rotes Kleid ohne Füllung und die Feststellung, dass Johan Ingers Interpretation ähnlich leer anmutet. Das Herauslösen des nackten Urstoffs fungiert hier als Verknappung und kommt einer Verarmung des Inhalts gleich, da täuschen auch die hervorragende Tanztechnik und das bravouröse hauseigene Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, nicht darüber hinweg. Anstatt der Reduzierung aufs Wesentliche bereichernd beikommen zu können, fällt das Stück am Kupferstich Spaniens vorbei und landet inhaltlich abgenagt wie ein skeletaler Versuch in der Zone der Möglichkeiten… was wäre gewesen wenn.

Veröffentlicht von Katharina Gsell

Mein Besuch

0 Einträge Eintrag

Voraussichtliche Besuchszeit

Liste senden