Eastman. Tanzen für die Pressefreiheit

Am Tag der Angelobung des neuen US-Präsidenten Donald Trump, in dessen Wahlkampf Fake News eine wichtige Rolle spielten, wird im Festspielhaus St. Pölten für Meinungs- und Pressefreiheit getanzt.

Am Tag der Angelobung des neuen US-Präsidenten Donald Trump, in dessen Wahlkampf Fake News eine wichtige Rolle spielten, wird im Festspielhaus St. Pölten für Meinungs- und Pressefreiheit getanzt.  © Filip Van Roe

20 & 21 JAN 2017 Sidi Larbi Cherkaoui . Eastman: Fractus V

Am Tag der Angelobung des neuen US-Präsidenten Donald Trump, in dessen Wahlkampf Fake News eine wichtige Rolle spielten, wird im Festspielhaus St. Pölten für Meinungs- und Pressefreiheit getanzt. Der flämisch-marokkanische Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui ebenso wie seine Tänzer und Musiker, verpacken große Gedanken in eine atemberaubende Performance. Das Publikum honoriert das mit Standing Ovations.

In unserem post-faktischen Zeitalter ist der richtige Umgang mit Informationen sehr schwer. Wir wissen nicht, ob das, was wir aus den Medien erfahren, wahr ist. Das macht es schwierig, sich eine fundierte Meinung zu bilden und eigene Gedanken zu fassen. Sidi Larbi Cherkaoui regt mit seiner durchdachten Choreographie zum Nachdenken an.

Auf der Bühne sieht man eine Truppe aus fünf Tänzern aus aller Welt. Live werden sie von vier außergewöhnlichen Musikern begleitet, deren Instrumente den Bühnenrand säumen. Sidi Larbi Cherkaoui macht deutlich, wie Meinungsfreiheit - zum Beispiel durch Gewalt - beschnitten wird. Dazu wählt er ein drastisches Mittel, er zeigt Hinrichtungen. Die Bewegungen zweier Männer sind perfekt aufeinander abgestimmt: Ein Tänzer richtet eine Waffe auf jemandes Schläfe, die Kugel trifft, der Mann stürzt zu Boden. Das Geräusch knackender Knochen - erzeugt durch den Sound des Perkussionisten - fährt einem bis ins Mark, während man in Zeitlupe den Sturz verfolgt.

Getanzte Propaganda

Die Tänzer verschließen einander gegenseitig die Augen. Werden Informationen blind weitergegeben? Das ebnet schnell den Boden für Propaganda. An Gehirnwäsche denkt man, wenn Hände klammernd einen Kopf umfassen. Wie Freiheit der Gedanken möglich sein kann, zeigt sich, als mit einem Schlag ein Mikrophon umgestoßen wird - und plötzlich Stille den Kopf frei macht.

Zwei Sprechsequenzen rahmen Sidi Larbi Cherkaouis Choreographie und liefern philosophisches Unterfutter von Linguist Noam Chomsky: Körperliche Gewalt hält schon lange niemanden mehr im Zaum, das neue Credo lautet, Kontrolle der Gedanken. Der Bürger wird, laut Chomsky, mit vielfältiger Überforderungen, etwa durch Arbeit, davon abgehalten, sich mit Informationen auseinanderzusetzen und sie zu hinterfragen. Das ist ein Nährboden für Propaganda. Gleichzeitig erstickt eine wahre Informationsflut unseren Geist. Sidi Larbi Cherkaoui fordert sein Publikum dazu auf, sich zu wehren, seine Gedanken einmal in Ruhe zu lassen und plädiert für einen friedlichen Geist, „a peaceful mind“.

Das große Finale ist ein mehrstimmiger Gesang aller Akteure auf der Bühne. Mit tosendem Applaus und Standing Ovations endet ein gelungener Abend im Festspielhaus, der für Meinungs- und Pressefreiheit in unserer komplexen Zeit steht.

Veröffentlicht von Katharina Schmid

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