Fragile Leidenschaft trifft auf Gewaltszenerie

Sasha Waltz sorgt mit der Österreich-Premiere von „Sacre“ für eine fulminante Eröffnung eines Themenschwerpunkts um Strawinskis „Le Sacre du Printemps“ im Festspielhaus St. Pölten.

Sasha Waltz sorgt mit der Österreich-Premiere von „Sacre“ für eine fulminante Eröffnung eines Themenschwerpunkts um Strawinskis „Le Sacre du Printemps“ im Festspielhaus St. Pölten. © Bernd Uhlig

24 SEPT 2016 Sasha Waltz: Le sacre du printemps

Leidenschaftliche und sanfte Liebe trifft auf Momente roher Gewalt. Die Verschmelzung von Musik und Bewegung – dieser Aspekt zieht sich wie ein roter Faden durch Sasha Waltz‘ Arbeiten. Eine überwältigende, nicht enden wollende Energie durchströmt die 27-köpfige Kompanie, das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich – und letztlich auch das Publikum.

Pop-Art trifft auf Erotik

„L’Après-midi d’un faune“ eröffnet energiestrotzend mit einem knallbunten Hintergrund im Pop-Art-Stil. Zu Claude Debussys Sinfonie taumeln Tänzer und Tänzerinnen in knalligen Höschen und Tank Tops zwischen Leidenschaft und Zärtlichkeit. Erotik liegt in der Luft.

Herzzerreißende Trennungs-Szenarien

Der zweite Teil „Scène d’armour“ wird von einem Querflöten-Solo eingeleitet. Die Bühne ist in helles Grau getaucht. Farblos, trostlos, ja fast kalt wirkt nun die Szenerie. Sinnliche Körperlichkeit, Leidenschaft und tiefes Verlangen bleiben als Bindeglied zwischen den beiden Teilen. Passend zur dramatischen Sinfonie aus „Roméo et Juliette“ tritt der Trennungsschmerz in den Vordergrund. In unschuldiges Weiß gehüllt, hält sich das Liebespaar eng umschlugen. Der herzzerreißende Abschied naht und doch können sie nicht voneinander lassen, fallen einander wieder und wieder in die Arme. Plötzlich hat Julia Romeo verlassen. Verloren und mit geduckten Schultern wandelt er auf der Bühne, bis ihn die Trauer überwältigt. Das ganze Leben aus ihm gewichen, endet er zusammengekauert auf dem Boden.

Dramatischer Tanz um die Opferrolle

Düster und hochdramatisch startet „Sacre“ das Finale des Abends. In kleinen Gruppen kauern die Tänzer auf dem Boden. Einmal ruhig, wie vor einem herannahenden Sturm, dann wieder schnell und dröhnend – diese Wechsel sind charakteristisch für Igor Strawinskis „Le Sacre du Printemps“. Die Kompanie verschmilzt mit dem Rhythmus , während sie rasend im Kreis umher irrt. „Sacre“ bedeutet „Frühlingsopfer“. Eben jenes Opfer gilt es, an diesem Abend zu finden, dessen Rolle niemand einnehmen will. Die männlichen Tänzer heben ihre Kolleginnen auf. Wie Schilde halten sie diese vor sich – nur, um sie achtlos zu Boden sinken zu lassen. Eine Tänzerin nimmt sich der Opferrolle an. Langsam lässt sie ihr wallendes Kleid fallen. Voller Ehrfurcht verneigen sich die Anderen vor ihrem nackten Körper. Der Moment, in dem sie von einem glänzenden, silbernen Speer getötet wird, hat etwas Bedrücktes aber gleichzeitig Befreiendes, nahezu Magisches an sich.

Ab 2019 wird Sasha Waltz das Berliner Staatsballett anführen. Lautstarke Proteste regnete es von den Tänzern, die den klassischen Tanz vor seiner Ausrottung sehen. Vielleicht brauchen auch sie etwas Zeit, um ihre Augen für das Innovative zu öffnen. So wie der Skandal um die Erstaufführung von „Le sacre du printemps“, im Jahr 1913 im Théâtre des Champs-Élysées in Paris, lange Zeit die Faszination des Stücks verhüllte.

Veröffentlicht von Birgit Samer

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