Waxtaan - Korruption im Tarnanzug

Die Festspiel Saison nähert sich langsam dem Finale und Brigitte Fürle ist erneut ein großer Wurf gelungen. Sie holte die senegalesische Grand Dame des zeitgenössischen, afrikanischen Tanzes Germaine Acogny sowie ihre Company Jant – Bi nach St. Pölten.

Die Festspiel Saison nähert sich langsam dem Finale und Brigitte Fürle ist erneut ein großer Wurf gelungen. Sie holte die senegalesische Grand Dame des zeitgenössischen, afrikanischen Tanzes Germaine Acogny sowie ihre Company Jant – Bi nach St. Pölten.  © Thomas Dorn

21 MAI 2016 Germaine Acogny: Waxtaan

Auf die Frage wie es zu der Entstehung des Stückes kam, antwortet die 72- jährige Tanzmeisterin: „Die Politiker sprechen so viel, aber es kommt nichts dabei raus. Sie könnten genau so gut tanzen.“ Aus diesem Gedanken entstand bereits 2007 unter der Leitung ihres Sohnes Patrick Acogny die international gefeierte Tanz - Politsatire „Waxtaan“. Der Titel – politisches Streitgespräch oder Diskussion – ist Programm, ohne Worte aber dafür mit viel Körpereinsatz wird es von der Company Jant – Bi vorgetanzt.

Politik als Männersache?
Die Politik befindet sich in Afrika noch fest in Männerhänden, um dieser Realität auch auf der Bühne gerecht zu werden sind sämtliche Schauspieler männlich.

Der König wird vom Untertan gemacht
Während des eineinhalb Stündigen Gipfeltreffens wird nichts dem Zufall überlassen, sogar der Auftritt der Protagonisten folgt einer hierarchischen Rangordnung. Zu Beginn betreten drei barfüßige Männer im Blaumann die leere Bühne. Die Aufgabe der Putztruppe ist es den Raum für die Konferenz der Führungsriege vorzubereiten. Dieser Tätigkeit gehen sie mit rhythmischen, synchronen, slapstick artigen Bewegungen nach und erzeugen hierdurch eine Komik, die Erinnerungen an Charlie Chaplin wachruft. Dier Seriosität der Konferenz wird somit bereits während der Vorbereitungszeit in Frage gestellt und ad absurdum geführt.
Nachdem sie die leere Bühne mit den nötigen Möbelstücken – Stühle, Tische und Garderobenständer – bestückt haben, zieht der flinke Putztrupp von dannen.
Als nächstes betreten vier Männer in Anzügen die dunkele Bühne. Sie nehmen Platz an dem Tisch, plötzlich reden alle auf einmal. Jeder hat ein Anliegen; das Publikum versteht nur ein Kauderwelsch. Dem folgt eine rhythmische, musikalische Einlage bei dem der Tisch zu einem Instrument umfunktioniert wird. Nun scheint das Parkett bereit zu sein für die politische Elite des Landes. Mit großen Gesten betreten die barfüßigen Volksvertreter die Bühne. Die Musiker befeuern mit schnellen Klängen die politischen Verhandlungsprozesse, welche die Bühne zum beben bringen. Tanzarten aus sechs verschiedenen Ländern werden von den Staatsmännern vorgeführt – die auch die kulturelle Vielfalt des afrikanischen Kontinents aber auch die Herkunftsländer der Politiker unterstreichen.
Während den Tanzsequenzen verhalten sich die Gruppen wie Streithähne, die sich abstoßen, aber sich doch am Fußgelenkt verzahnen. So ganz kann man doch nicht ohne den anderen, die Abhängigkeitsverhältnisse werden augenscheinlich. Einer der wiederkehrenden Bewegungen eine Drehung verdeutlichte den Kreis des Nehmens und Gebens – „Die Hand die gibt, kann auch wieder nehmen.“

Verwandlung vom Staatsmann in Stammesführer
Neben den explosiven Tanzszenen prägt sich eine Passage ein. Hier finden die Auswüchse der Korruption in der Figur eines kleinen, dicklichen Mannes Eingang in die Handlung. Dieser betritt mit einer Aktentasche voller Geld die Bühne und verhandelt mit den Musikern. Letztlich tanzt er nach ihrer Pfeife – in diesem Fall Trommel. Nach dem erfolgreichen Geschäftsabschluss zieht er aus dem Aktenkoffer die Insignien der Stammesführer und verwandelt sich innerhalb weniger Sekunden vom westlich gekleideten Staatsmann in einen Bastrock tragenden Stammesführer. Dieser ergebene Stammesführer buhlt um die Gunst der Politiker, die seinen tänzerischen Darbietungen respektvoll zuschauen. Somit wird nebst der grassierenden Korruption auch die vorherrschende „Kultur des Clanismus“ - im Rahmen dessen die eigenen Verwandten bei der Vergabe von signifikanten Posten bevorzugt werden - beleuchtet.

Kleider machen Leute
Die Konferenz nähert sich dem Ende - ähnlich den runden Tischen bei politischen Konferenzen- die tanzenden Politiker besiegeln ihre Entscheidungen in einer Kreisformation. Entsprechend den Gebaren eines Staatsoberhaupts, hält jeder der acht Politiker ein Abschlusssolo. Nach getaner Arbeit ziehen sie über ihre westliche Kluft die festlichen, afrikanischen Capes. Die Kleidung nimmt in der Inszenierung eine wichtige Rolle ein. Sie symbolisiert die Diskrepanz zwischen der Repräsentation und der Identität der Träger. Die wahre Identität und Absichten der Führungsriege werden durch die mehrschichtige Kleidung verschleiert. Was sich hinter den großen politischen Gesten und unter der westlichen Kleidung verbirgt, wird in tänzerischer Form von der Company Jant – Bi beantwortet. In Anbetracht der nebulösen Machenschaften, die während des Hypo U-Ausschusses ans Tageslicht kommen, stößt das Thema der Korruption auch dem hiesigen Zuschauerkreis sauer auf. Mit tosendem Applaus bedankt sich das Publikum für diese tänzerische Entlarvung.

Dieses politische Streitgespräch einen Tag vor der bevorstehenden Bundespräsidentenwahl aufzuführen, war eine hervorragende Entscheidung.

Veröffentlicht von Jackie Macumba

Mein Besuch

0 Einträge Eintrag

Voraussichtliche Besuchszeit

Liste senden