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Ballett am Rhein und das Tonkünstler-Orchester im Festspielhaus St. Pölten. „7“ ist die choreographische Antwort von Martin Schläpfer auf Mahlers 7. Sinfonie.

Ballett am Rhein und das Tonkünstler-Orchester im Festspielhaus St. Pölten. „7“ ist die choreographische Antwort von Martin Schläpfer auf Mahlers 7. Sinfonie. © Gert Weigelt

09 APR 2016 Ballett am Rhein . Martin Schläpfer: "7"

Bedrohlich beginnt der erste Satz in e-moll mit den Streichern und verspricht nichts Gutes – oder zumindest nichts Leichtes.

Vier parallel laufende Linien erhellen als einzige Lichtquelle den Bühnenraum. Ein Mann betritt die Bühne mit hängendem Kopf. Er erinnert an an ein entlaufenes Tier. Die sich eben erst auftuende subtile Welt des Suchens und Irrens findet schon nach wenigen Sekunden ein Ende. Der erste Donnerschlag in der Musik und schon wird aus dem Tier ein Tänzer, der dramatisch seine Arme gen Himmel wirft.

An großen Gesten wird es die nächsten anderthalb Stunden nicht mangeln. Schläpfer nimmt sich auch keiner leichten Themen an: Ausgrenzung, Vertriebensein, Gewalt, die Suche nach dem Ankommen. Das passt alles hervorragend zu Mahler.

Szenenweise gelingt es einprägsame Bilder zu schaffen. Das sind dann vor allem jene, die eindeutig sexuelle Gewalt, Ausgrenzung aus dem Sesselkreis und stumme Hilfeschreie liefern. Die wahrscheinlich spannendste Finte des Choreographen ist jedoch, sich der „Heimatlosigkeit“ über das Kostüm anzunähern. Er zieht den Tänzerinnen und Tänzern ihre Spitzenschuhe aus und ersetzt sie nur teilweise durch schwarze Schnürstiefel. Er beraubt sie ihrer physiologischen Grundlage und sieht was mit ihnen passiert.

Graziler Spitzentanz mutiert immer wieder zu aggressivem Hackentanz, durchsetzt von pantomimischen Szenen. So schiebt sich plötzlich ein kindlich verspielter Zug von der Bühne oder ein Tänzer verirrt sich kurz in einem Break-Dance-Move. Das dezente Bühnenbild und die klaren strengen Schnitte der in schwarz und weiß gehaltenen Kostüme von Florian Etti helfen begrenzt, dass das Ganze nicht komplett in der eigenen Bilderflut untergeht.

Die Anstrengung und Virtuosität des Ensembles bleibt trotz allem irgendwo im Orchestergraben stecken. Der tosende Applaus gilt demnach vermutlich den Tonkünstlern, die das schwierige Werk unter Wen-Pin Chien gekonnt vertont haben.

Veröffentlicht von Maria Warnung

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