JS: Wir kennen einander seit unserem ersten gemeinsamen Projekt für das Lucerne Festival 2007. Dort haben wir eine Arbeit gemacht, die eher ein Labor zur Erforschung verschiedener musikalischer Spielweisen als ein eigentliches Stück wurde. Es hat erstaunlich gut funktioniert und wir haben uns daraufhin entschlossen, in irgendeiner Art miteinander weiterarbeiten zu wollen...
EA: ...ja, das war eine spannende Geschichte. Und in gewisser Weise führen wir sie ja auch im Labor zum Tonkünstler-Orchester Spezial Konzert "Barock 21" weiter. Verschiedene musikalische Spielarten, sicher, aber im Zentrum steht auch eine Frage, die mich immer noch brennend interessiert: Was sagt uns alte Kunst heute, oft viele hundert Jahre nach ihrer Entstehung? Und wie tut sie das? Restaurieren wir sie und verlieren so den Sinn für Vergänglichkeit? Lassen wir sie zerfallen und verlieren so ihre Jugendlichkeit? Oder gibt es einen mehrschichtigen Weg in der Mitte?
JS: Tatsächlich eine Frage, die auch mich immer wieder beschäftigt. Was ist es denn Deiner Meinung nach, was uns bei diesem Thema hält?
EA: Ich denke, da werden Grundfragen der menschlichen Existenz angerührt. Und die Art, wie wir dazu Stellung beziehen, hat wesentlichen Einfluss darauf, wie wir – ob auf oder hinter der Bühne – Kunst vermitteln. Es gibt auch einen persönlichen Hintergrund: ich habe zwar klassische Violine studiert und spiele sie heute auch noch, aber dann habe ich mich ebenfalls mit historischer Aufführungspraxis auf der Barockvioline – musikalischer Restauration par excellence! – und Jazz beschäftigt, und es ließ mich nicht los, Verbindungen dieser verschiedenen Einflüsse in unterschiedlichen Projekten nachzugehen.
JS: Neben diesem Labor trittst Du ja auch sonst mehrmals über die gesamte Spielzeit verteilt bei uns in Aktion, als Artist in Residence der Spielzeit 2009/10. Was bedeutet dieser Titel für Dich?
EA: In erster Linie die aufregende Möglichkeit, Teil der Besatzung dieses Entdeckerschiffs zu sein, als das sich das neue Festspielhausteam versteht. Die Gelegenheit, am Aufbau von Gemeinschaften mitzubauen, Gemeinschaften von Künstlern aus aller Welt mit Menschen aus und in St. Pölten. Einzelauftritte sind ein Teil davon, klar, aber eben auch beispielsweise die Koordination eines Labors mit russischen Rromamusikern und einem St. Pöltener Chor oder die Leitung eines Streicheraustausches von niederösterreichischen Jugendlichen mit Kindern eines Townships in Südafrika.
JS: Ist es für Dich interessanter, auf der Bühne zu stehen oder kuratierend dem Programm zur Seite zu stehen?
EA: Es ist eine spannende Doppel- oder Dreifachfunktion, einerseits als Performer auf der Bühne zu stehen, andererseits als Kulturintrapreneur Projekte im Festspielhaus mitzugestalten. Und als Kurator mitzuhelfen, Gäste einzuladen – letztendlich geht es überall um den Austausch zwischen Menschen. Und das ist es, was diese Tätigkeiten auch verbindet.
JS: Was gibt es für Dich noch zu erforschen, was gibt es noch Neues?
EA: Im Sommer 2009 ist der Launch einer neuen Herausforderung, die mir sehr liegen wird und wohl eine Lebensaufgabe wird: ich beginne zu dirigieren.
Schweizer Musiker und Kulturentrepreneur, lebt in Basel. Stimmführer der 2. Violinen in Claudio Abbados Orchestra Mozart Bologna und Mitglied des ebenfalls von Claudio Abbado gegründeten Lucerne Festival Orchestra. Zur Zeit Weiterbildung im Executive MBA Programm für General Management an der Universität St. Gallen, Schweiz.
www.etienneabelin.com
www.capefestival.com
Foto-Galerie Artist in Residence @ Festspielhaus