Ein Stadtprojekt
Kartografische Operationen im öffentlichen Raum von Tommy Noonan
und Georg Hobmeier im Rahmen des Festivals Österreich TANZT /
Workshops von Mo 9. bis Di 17. Mai 2011 /
Performances am Do 19. und Fr 20. Mai 2011
Was für eine Stadt ist St. Pölten? Wie sind die Menschen, die hier leben? Kann man gemeinsam mit den EinwohnerInnen selber eine soziale Kartografie der Stadt entwickeln? In einer fortdauernden Beschäftigung des Festspielhauses mit der Stadt St. Pölten, soll es auch in dieser Spielzeit wieder ein "Stadtprojekt" geben. In Anlehnung an eines der zentralen Motive des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges – das Labyrinth – begeben sich der Tänzer Tommy Noonan und der Performance-Künstler Georg Hobmeier auf eine künstlerische Entdeckungsreise. Ihre Performance wird sich mit der Kartografie von Städten beschäftigen und diese in Originalgröße zum Leben erwecken, und das an drei völlig unterschiedlichen Orten: Buenos Aires, Freiburg im Breisgau und St. Pölten. In jeder Aufführung wird das Projekt "Labyrinth" lokale KünstlerInnen und BewohnerInnen der jeweiligen Stadt in das Projekt integrieren und involvieren. Im Laufe der Vorbereitungszeit soll eine Vorstellung entstehen, welche die/den ZuschauerIn durch die Stadt leitet und begleitet. Man wird Zeuge unterschiedlicher Performance-Spielarten und Installationen, Choreografien und Improvisationen, die in der Öffentlichkeit auf Straßen und Plätzen sowie in Privatwohnungen und Geschäften der Stadt stattfinden. Eine verschachtelte Aufführung entsteht, die von der Stadt inspiriert wird und gleichzeitig ihre Struktur mitgestaltet. Man wird nicht nur dem "banalen" Alltag begegnen, denn neben den Performern werden auch eine Anzahl von StatistInnen dazu beitragen, das gewohnte Bild der Alltagsnormalität zu erneuern
Labyrinth ist eine akustisch-performative Reise durch öffentliche und private Räume, die dem Zuschauer durch Text, Klang und Performance sinnliche Erfahrungen vermittelt. Durch die Überlagerung des Alltäglichen mit minimalistischen Elementen wird Alltagserfahrung ins Künstlische entrückt, Banales performativ erhöht und die Stadt selbst erschliesst sich als neuer Erfahrungs- und Handlungsraum, aus der plötzlich Geschichten, Situationen und Bilder hervortreten. Die Grenzen zwischen Projektion und Vorhandenem verschwinden, die Umgebung kann so zum Produkt der Phantasie der Betrachter werden.
Labyrinth baut dabei auf eine Reihe namens Area auf, die die Choreographen Tommy Noonan und Georg Hobmeier seit 2008 betreiben. Area-Projekte sind zumeist temporäre und performative Begehungen öffentlicher Räume, die in unterschiedlichsten Städten und Kontexten durchgeführt wurden. SKITe/Sweet and Tender Porto, Danswerkplaats Amsterdam, K3: Tanzplan Hamburg, Theatre de la Cité (Paris), Stadtpotentiale Innsbruck, Open Mind Festival Salzburg, Forum PRISMA (Mexico City), Play!Festival Leipzig, u.a. Workshops, Proben und Aufführungen der klandestinen Serie "Area/Global" fanden in Brüssels, Zürich, Frankfurt, Glasgow, Berlin, Athens, Bangalore und Buenos Aires statt.
Labyrinth markiert den Beginn einer neuen Phase in der Area-Serie, legt den Schwerpunkt ins Ohr der Zuseher und -hörer und benutzt dabei unterschiedlichste Werkzeuge und Elemente aus den Bereichen Literatur, Theater, Tanz und neue Medien.
Für mehr Informationen zu Area-Projekten besuchen Sie bitte:
area - choreographic operations in public space
Area in Freiburg, Salzburg, Innsbruck @ vimeo
Area Global @ vimeo
Aufführungen von Labyrinth sind im April 2011 in Freiburg in Kooperation mit pvc-Tanz und im Mai 2011 in St. Pölten in Kooperation mit dem Festspielhaus Sankt Pölten geplant. Weites wird das Projekt von der Salzburger Künstlergruppe GoldExtra operativ unterstützt.
Methoden
Labyrinth passt sich in jeder Stadt vollkommen neu an und entsprechend verändern sich auch Text, Bewegungsmaterial und Audioaufnahmen. Dementsprechend benötigt eine Aufführung von Labyrinth immer eine mehrwöchige Einrichtungsphase, in der die Künstler auch mit einer Gruppe von lokalen Amateuren arbeiten, die in die Performance eingebunden werden. Kernstück der Arbeit ist dabei das ausgewählte Stück Stadt, an dem die Künstler im Dialog mit den Amateuren und eventuellen anderen Mitarbeitern sich zu schaffen machen.
Die Auswahl des Raums wird dabei von unterschiedlichen Faktoren bestimmt:
Die Arbeit an Labyrinth besteht vor allem an der Verfassung des für die Zuschauer hörbaren Texts, der Erarbeitung performativen Materials mit den Darstellern und zahlreichen Tonaufnahmen. Der Gruppe von Amateuren wird dieses Material im Rahmen eines ca. 10 tägigen Workshop-Laboratoriums vermittelt. Dabei wird sowohl die Arbeitsmethode der Area-Reihe vermittelt, unterschiedliches Bewegungsmaterial geprobt, als auch der ausgewählte Raum erforscht.
Für die Zuschauer beginnt die Performance an einem bestimmten Punkt am Rande des ausgewählten Areals, wo sie MP3-Player erhalten. Über diese teilt sich ihnen eine Stimme mit, die sie von dort an führt und ihre Wahrnehmung auf unterschiedliche Art und Weise lenkt. Zum Teil sind es recht deutliche Anweisungen, wohin sie zu gehen und was sie zu betrachten haben, manchmal haben sie mehr Freiheit Bereiche zu erforschen oder das Gemisch aus Text, Klang und Performance in ihren Ohren und um sie wahrzunhemen.
Die Stimme weist sie auf architektonische Details hin, spricht über auf Personen, die die Zuschauer manchmal sehen können, manchmal bleiben diese in ihrer Vorstellung. Man weiss nie genau, was nun inszeniert oder Zufall ist. Manchmal schweigt die Stimme und man hört Tonaufnahmen, die am gleichen Ort aufgenommen wurden. Durch nun leere Strassen hallt ein schon längst verschwundener Motorengeräusch, es unterhalten sich Personen, die nicht mehr da sind, Unsichtbare schreiten vorbei und manchmal verbindet sich diese akustische Ebene mit kurz aufblitzenden choreographischen Elementen.
All dies dient dabei immer dem Zweck, die Stadt um sie herum für einen kurzen Zeitraum in eine Fiktion zu verwandeln, einen Ort, wo alles möglich ist.
Ziele
Das Hinaustreten aus Theatern und Tanzstudios in den öffentlichen Raum hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Es wäre zu einfach, dieses heterogene Phenomen einfach unter Begriffe wie Flashmob und postdramatischem Theater einzuordnen, zu komplex und aus zu unterschiedlichen Disziplinen sind diese Arbeiten, die sich nicht mit althergebrachten Formen der Präsentation begnügen und sich voller Neugier in andere Lebensräume begeben und mit der Gesellschaft auseinandersetzen.
Die Funktion von Labyrinth ist es, im Geiste des Betrachters ein imaginäres Bild eines Raums enstehen zu lassen, das sich über bereits vorhandene den Raum betreffende Vorstellungen und Konventionen legt. Durch Suggestion und Narrativ als Rahmen dieses imaginären Bilds wird die Realität verändert, Passanten werden zu Darstellern, der Raum zur Kulisse einer subtilen Veränderung. Wie schon bei Shakespeare heisst es: "All the world's a stage /And all the men and women merely players..."
Aber weder Spiel noch Spieler sind der Kern von Labyrinth, dieser ist das Bild der Welt, wie es in unseren Köpfen entsteht. In vielen Performanceprojekten für öffentliche Räume bleibt das Prinzip ein theatrales: Die Stadt bildet den Rahmen für ein Spektakel und dessen Protagonisten oder es werden unterschiedliche Themen aus dem Stadtraum in eine theatrale Form destilliert und ebendort wiedergegeben, all dies in der klassischen Konstellation von Betrachter und Betrachtetem. Labyrinth löst diese Beziehung auf, lässt Theater nur für Momente aufflackern und wieder verschwinden, schiebt den Fokus zwischen Kunst und Alltäglichem hin und her und versucht nach Lesart des Alltäglichen selbst zu verändern.
Dafür wird bei Labyrinth der Raum nicht kontextualisiert und neu erklärt, vielmehr wird er mit Elementen überlagert und überladen, bis er zur Fiktion wird, zum Spielball der Sinne und Möglichkeiten. Räume, die durchquert werden, emanzipieren sich von ihrem Zweck, ihrem Kontext, ihrer Geschichte und können als phantastische Narrative neu erlebt werden.
Die Psychogeographie der Stadt öffnet sich den Augen und Ohren zur Neuwahrnehmung. Verspielt und erklärt fiktiv erlaubt diese Arbeit den offenen Besuchern ihre Umgebung zumindest temporär neu zu erleben. Sie ist ein Spiel mit den Sinnen, die uns auf die Codes und Gewohnheiten unserer Lebensräume hinweist und sie aufbricht.
Tommy Noonan
Erwarb den B.A. in Englisch am Vassar College, USA. 2006 erhielt er ein DanceWEB-Stipendium in Wien. Zwischen 2006 und 2010 war er in Freiburg ansässig, wo er bei pvc sowohl als Tänzer, Choreograph und Darsteller tätig war. Publikationen von ihm erscheinen im Revisita Obscena (Portugal), im Freien Theater Journal (Österreich) und im Performance Journal (New York). 2008 war er einer der Finalisten der Rolex Mentor and Protogé Arts Initiative. Im Sommer 2009 wurde er als Mitwirkender zum Forum PRISMA in Mexico City eingeladen und ab Herbst 2010 wird er artist In Residence an den Residencias del Sur in Buenos Aires Sein.
Georg Hobmeier
Geboren und aufgewachsen in den abgeschiedenen Tiroler Bergen ist er nun nomadischer Praktiker in der Lehre und Erstellung performativer Kunstformen. Nach einer interdisziplinären Ausbildung in Holland und Österreich setzte er zahlreiche Projekte an den Schnittstellen von Tanz, Technologie und Raum um. Für seine Arbeit erhielt er Förderungen und Preise, darunter den Deutschen Studienpreis, das DanceWebstipendium, Dragon's Den Belfast u.a. Im Moment ist er Gastprofessor an der Royal Academy of Music and Drama in Glasgow, leitet mit Henry Vega die Gruppe "Spy Collective" und engagiert sich im Künstlernetzwerk Sweet&Tender. Nebenbei arbeitet er gelegentlich als Schauspieler und Tänzer, z.B. in der Produktion "Gesäubert" am Bayerischen Staatsschauspiel.