Die Essenz des Lebens – Pina Bausch am Festspielhaus St. Pölten

Zwei Hommagen an die Facetten von Weiblichkeit, jenseits der Grenzen von Kontinenten und Kulturen, belebten am 9. Oktober das Festspielhaus St. Pölten. Der erste Teil „common ground[s]“ verband zwei Grandes Dames des zeitgenössischen Tanzes über zwei Kontinente hinweg: Malou Airaudo – die ehemaligen Weggefährtin von Pina Bausch, als einer der bedeutendsten Choreografinnen der neueren Tanzgeschichte – ebenso wie Germaine Acogny, weltweit als „Mutter des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes“ bekannt. Im zweiten Teil beeindruckte eine Neueinstudierung von Pina Bauschs Choreographie „Das Frühlingsopfer“. Die Choreografie zu Igor Strawinskis Musik - einem Klassiker der mit Paukenschlägen den zeitgenössischen Tanz einläutete – wird erstmals ausschließlich von Tänzer*innen des afrikanischen Kontinents interpretiert.

Zwei Hommagen an die Facetten von Weiblichkeit, jenseits der Grenzen von Kontinenten und Kulturen, belebten am 9. Oktober das Festspielhaus St. Pölten. Der erste Teil „common ground[s]“ verband zwei Grandes Dames des zeitgenössischen Tanzes über zwei Kontinente hinweg: Malou Airaudo – die ehemaligen Weggefährtin von Pina Bausch, als einer der bedeutendsten Choreografinnen der neueren Tanzgeschichte – ebenso wie Germaine Acogny, weltweit als „Mutter des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes“ bekannt. Im zweiten Teil beeindruckte eine Neueinstudierung von Pina Bauschs Choreographie „Das Frühlingsopfer“. Die Choreografie zu Igor Strawinskis Musik - einem Klassiker der mit Paukenschlägen den zeitgenössischen Tanz einläutete – wird erstmals ausschließlich von Tänzer*innen des afrikanischen Kontinents interpretiert.

Eine junge Frau in einem leichten, grellroten Kleid wirbelt über die Bühne. Sie dreht sich, ihre Arme schwingen im Takt ihrer ausladenden Bewegungen durch die Luft. Sie stampft hart auf. Tiefe Spuren zeichnen sich in der weichen Erde ab. Immer schwerer wird ihr Atem. Die eindringliche Musik Strawinskis nimmt an Dramatik zu, steigert sich ins Unermessliche. Hinter ihr zusammengerottet eine Gruppe Männer und Frauen, regungslos im Halbdunkel, die gebannten Blicke auf sie gerichtet: das Frühlingsopfer. Die Auserwählte, die weiß, dass sie gleich sterben wird und um ihr Leben tanzt - ehe sie längs vorneüber fällt und reglos liegenbleibt. Blackout. Spannungsgeladene Stille, gefolgt von tosendem Applaus und Standing Ovations.

Der Abend im Festspielhaus St. Pölten, der ganz im Zeichen der 2009 verstorbenen deutschen Choreografin Pina Bausch stand, entließ ein begeistertes Publikum. Sein Höhepunkt war die zweite Hälfte: Nach Stationen in Madrid und Kopenhagen feierte die Koproduktion der Pina Bausch Foundation mit der senegalesischen École des Sables und Sadler’s Wells Premiere im deutschsprachigen Raum. Wiederaufgeführt wurde Bauschs Choreographie von Strawinskis „Le Sacre du Printemps“aus dem Jahr 1975. Besonders daran: Das Stück wurde von 38 Tänzer*innen aus 14 afrikanischen Ländern interpretiert, die bis dato nicht in klassischem Ballett ausgebildet waren, wie im Vorgespräch zur Vorstellung von Mitgliedern der künstlerischen Leitung der Produktion erzählt wurde. Aber weder dieser Umstand, noch die pandemiebedingte Verschiebung der Premiere konnten der Produktion etwas anhaben. 

Im Gegenteil, die Tänzer*innen überzeugten durch ihren Fokus auf das Erdige, beinahe Archaische in der Musik Strawinskis. Passend hierzu auch der Untergrund aus Torf, der eigens aufgeschüttet wurde, die erdfarbene und schwarze Kleidung und der Verzicht auf jegliches Bühnenbild. Von Beginn an fesselt die Energie der Protagonist*innen: Mal in Gruppen, nach Geschlechtern getrennt diagonal auf der Bühne versetzt, mit reduzierten Bewegungen, im absoluten Gleichklang, dann wieder raumgreifend über die Bühne tanzend. So erlebt man einen Gesamtkörper in Bewegung, auf der Suche nach einem Opfer unter ihnen.

Die eindrucksvollen tänzerischen Szenen, die im Laufe der rund dreißigminütigen Darbietung zu bewundern waren, lassen dennoch einen Bezug zum kulturellen Hintergrund der Tänzer*innen vermissen. Es drängt sich unweigerlich die Frage auf, weshalb man anstatt der im europäischen Kontext entstandenen Choreographie nicht aus dem Potenzial der in diversen afrikanischen Tänzen ausgebildeten Protagonist*innen geschöpft hat. So war es doch gerade Pina Bausch, die zu Lebzeiten gerne auch mit Gesellschaftsgruppen arbeitete, die im Mainstream nicht bzw. unterrepräsentiert sind und dadurch Neues zu schaffen vermochte. Worin die tatsächlich neue Ebene in der aktuellen Produktion von „Das Frühlingsopfer“ aber bestehen soll, ist nicht ersichtlich. Elemente afrikanischen zeitgenössischen Tanzes suchte man vergeblich. Allenfalls gelangte man zu der „Erkenntnis“, dass auch afrikanische Tänzer*innen eine aus dem europäischen Kontext stammende Choreographie im hiesigen zeitgenössischen Tanzstil erlernen und eindrucksvoll darbieten können. Ob dies nun intendiert ist oder nicht: die Produktion wirft Fragen zu kulturellem Kolonialismus in der gegenwärtigen darstellenden Kunst auf.

Der Aspekt der zutiefst menschlichen Facetten der Darsteller aber stand – wie in „Das Frühlingsopfer“ - auch im Mittelpunkt des ersten Teils des Abends. Das eigens choreographierte und von ihnen selbst getanzte Auftragswerk „common ground[s]“ der beiden Grandes Dames des zeitgenössischen Tanzes Germaine Acogny und Malou Airaudo ist eine Hommage an die Weiblichkeit in ihren unterschiedlichen Facetten, jenseits der Grenzen von Kontinenten und Kulturen. Getragen von ruhigen Bewegungen teils aus dem klassischen Tanz, teils aus dem Alltag stammend, nähern sie sich zur Musik von Fabrice Bouillon LaForest ihrer Verbundenheit als Frauen, Mütter und Großmütter an. Dabei erschaffen die Tänzerinnen durch synchrone Abläufe sehr schöne choreographische Bilder. Eine innige Umarmung der beiden Frauen in der Anfangssequenz leitet  von Gemeinsamkeiten der Bewegungsprache zu den unterschiedlichen Facetten. Berührend auch die Schlussszene, in welcher einander die beiden Frauen spiegeln: Auf einem Hocker sitzend, umgeben von Alltagsgegenständen, feiern sie mit  rhythmischem Stampfen den Fortlauf der Zeit und die Kontinuität des Lebens.  So verschmelzen im gemeinsamen Tanz der Frauen die beiden Kontinente – der afrikanische und der europäische – zu einem gemeinsamen künstlerischen Raum, in dem Gegensätze und Gemeinsamkeiten einander befruchten.

Insgesamt ein Abend mit eindrucksvollen Tänzer*innen, der den Blick auf die Essenz des Lebens und des Menschseins nicht verliert, zudem aber zur kritischen Auseinandersetzung mit Fragen zu Kolonialismus in der darstellenden Kunst unserer Zeit auffordert.

Tanja Fachathaler

Veröffentlicht von Tanja Fachathaler

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