Die neue Handschrift des gefeierten Choreografen

„Jungle Book Reimagined“ im Festspielhaus St. Pölten überrascht vor allem diejenigen, die Akram Khans frühere Choreografien erleben durften, wie etwa „Xenos“ im Jahr 2018, ebenfalls im Festspielhaus. Mit „Xenos“ und dem opulenten Bühnenbild verabschiedete sich Akram Khan von der Bühne als Tänzer, nicht aber als Choreograf.

„Jungle Book Reimagined“ im Festspielhaus St. Pölten überrascht vor allem diejenigen, die Akram Khans frühere Choreografien erleben durften, wie etwa „Xenos“ im Jahr 2018, ebenfalls im Festspielhaus. Mit „Xenos“ und dem opulenten Bühnenbild verabschiedete sich Akram Khan von der Bühne als Tänzer, nicht aber als Choreograf.

„Jungle Book Reimagined“ ist in vieler Hinsicht neu. Akram Khan reduzierte radikal das Gegenständliche auf der Bühne. Digitale Mittel ermöglichen der Company seither das Reisen mit leichtem Gepäck. Neue Dimensionen werden frei. Tanz, Ton und Bild fließen wie bisher zu einem Kunstwerk zusammen. Nun bedient sich Akram Khan auch digitaler Mittel.

Er ruft alle Sinne wach, auch die Kraft der Imagination. Es erscheint kaum möglich den vielen räumlichen und zeitlichen Schichten der Geschichte, die sich auf der Bühne überlagern, mit dem Nacheinander der sprachlichen Möglichkeiten gerecht zu werden

Wunderbar ist der Einstieg mit den zehn auf der dunklen Bühne von hinten beleuchteten Tänzerinnen und Tänzern. In animalisch anmutende Posen erstarrt senken sie noch tiefer die Köpfe. Zur leidenden Kreatur gesellen sich die entfesselten Elemente. Vor die Company schiebt sich eine digitale Stadt. Dort steht kein Haus mehr auf festem Grund.

Regenmassen prasseln nieder, Menschen suchen sich vor den Fluten zu retten. Mowgli droht zu ertrinken. Lange Zeit schwebt das Kind zwischen Algen und Fischen, all das auf transparente Vorhänge projiziert, bis sich Mowgli real auf der Bühne in einem Rudel Wölfe wiederfindet. Der Dschungel ist eine verlassene Stadt, die Tiere sind dem Labor entkommen:

Die Welt von heute hat an Romantik eingebüsst.

Man sollte als ZuschauerIn die Geschichte, die Akram Khan erzählt, kennen, um der Vorstellung gut folgen zu können. Die Kostüme sind durchwegs einfache orangene T-Shirts und braune Punjabi Hosen. Was an zugespielten Worten in englischer Sprache und deren Rhythmik hörbar ist, macht die kongeniale Company mit ihren Körpern sichtbar. Wichtiges erscheint auf Deutsch als Leuchtschrift am oberen Rand der Bühne, was aber von der sich temporeich entwickelnden Handlung eher ablenkt.

Doch es gibt auch poetische Phasen. Sie berühren zutiefst. Etwa, wenn der Tanz zur Ruhe kommt und, auf den transparenten Vorhang projiziert, die weißen überlebensgroßen Umrisse einer Elefantenherde vorbeiziehen und indische Klänge sie begleiten.

Mit Pause dauert das Stück mehr als zwei Stunden. Es fesselt von der ersten bis zur letzten Sekunde. Die Tänzerinnen und Tänzer bestechen durch ihre Präzision. Eindrücklich zeigen sie die Verbindung von Tier und Mensch. Man kann sie als Liebesgeschichte verstehen, oder zumindest als solche imaginieren.

Friederike Kommer

Veröffentlicht von Friederike Kommer

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