Don Juan – Drama und Leidenschaft zwischen Licht und Schatten

Don Juan, traumatisiert, weil verlassen von der Mutter, schlittert, getrieben von Bindungsängsten, von einem Abenteuer ins nächste. Harmonische Bewegungen wechseln sich ab mit Szenen des Kontrollverlusts.

Don Juan, traumatisiert, weil verlassen von der Mutter, schlittert, getrieben von Bindungsängsten, von einem Abenteuer ins nächste. Harmonische Bewegungen wechseln sich ab mit Szenen des Kontrollverlusts.

Ein Spiel des Fangens auf der dunklen und düsteren Bühne eröffnet das zeitgenössische Ballett, welches die Geschichte des Frauenverführers Don Juan ganz psychologisch deutet. Eine Frau in rotem Kleid trifft auf eine finstere dämonisch anmutende Gestalt und ein Wechselspiel aus Bewegungen entsteht. Die schwarze Figur leitet die Frau an, kontrolliert sie und erschwert ihr, eigene Bewegungen zu machen. Ausgehend vom Trauma seiner Mutter und ihres Verlustes in frühester Kindheit, kann sich der amouröse Narzisst nicht binden und findet Befriedigung stehts nur im Moment. Szenen des Kontrollverlustes spielen sich immer wieder auf der Bühne ab. Don Juan krümmt sich fast nackt auf dem Boden. Es scheint, als wäre er den Bewegungen seines Körpers vollends ausgeliefert. Getrieben von Bindungsängsten spiegelt er uns eine sehr abhängig machende Persönlichkeit, die dieses Trauma des Verlassenwerdens immer und immer wieder durchlebt und ihn zu einem emotional unreifen Mann heranwachsen hat lassen. Ein verwirrender Tanz zwischen Don und der Frau entsteht. Harmonische Zweisamkeit mit viel fließender Bewegung wechselt sich mit plötzlich abruptem Abbruch und einsamen Bewegungen ab. Der junge Held sucht sich eine Dame nach der anderen. Spätestens dann, wenn eine Frau eine Familie gründen will, treibt es ihn zur nächsten, um seine Liebeseroberungen noch weiter auszudehnen. Der schwedische Choreograf Johan Inger lässt keinen Hauch von klassisch konservativem Ballett zu. Er betont mit der Kompanie des Alterballetto in seiner Darstellung die Moderne des Tanzes und räumt mit alten Klischees und Tutus auf.

In einer weiteren Szene ist Don nun angezogen, die Tanzpartnerin ist ausgewechselt und sie bewegen sich zwischen hohen und rechteckigen Matten. Sowohl als Matratzen für die Liebesakte als auch als Metapher der Gegensätzlichkeit sollen sie dem Publikum auf einfache und minimalische Weise die menschliche Zweischneidigkeit vermitteln. Gerade diese Matten sind es dann schlussendlich auch, die als Mauern auf Don hereinstürzten.

Musikalisch schafft es Marc Alvarez mit teilweise harmonischer Geigenmusik den Tanz fließend zu untermalen und Curt Allen Wilmer versucht mit seinem Bühnenbild die Gegensätzlichkeit mit hellen und dunklen Farben darzustellen. Das Licht wird zu Schatten, düster zu warm.

Spätestens zur Hochzeitszene, in der Don nicht davor zurückschreckt eine Frau vom Altar weg zu verführen, zeigt er sein wahrhaft teuflisches Verführungsspiel. Das Bühnenbild zeigt einen ausgelassenen Gruppentanz mit Emotionen der Leichtigkeit und Freude, die sowohl durch volkstanzähnliche Paartänze und Hebefiguren demonstriert wird. Der Choreograph lässt hier modernen Breakdance mit zeitgenössischem Ballett vermischen und betont die Freiheit im Tanz. Das Bild der ausgelassenen Hochzeitsfeierei ändert sich. Die Braut verschmilzt mit Don in tiefe Zweisamkeit, während sich vor und hinter ihnen düstere Szenen abspielen. Hinter den im Liebesspiel versunkene Paar lauern drei dämonische Gestalten - ähnlich wie am Beginn des Stückes – und mischen sich immer und immer wieder in den Akt der beiden ein. Die Figuren heben die Frau hoch, versuchen sie von Don wegzuzerren und manipulieren ihre Bewegungen. Das Bild vor Ihnen ist ebenfalls von Dunkelheit geprägt: mit tänzerischen Bewegungen simuliert ein Mann seine Übelkeit und den Versuch sich immer und immer wieder übergeben zu müssen. Dieser soll den sog. „guten Teil“ von Don Juan darstellen. Johann Inger kreiert die Figur des Leo als jenen Part von Don, der für Moral und Sittlichkeit steht und sich seinen verführerisch-teuflischen Taten wohl bewusst ist.

Kontrollverlust des eigenen Selbst scheint sich wie ein roter Faden durch etliche Szenen zu ziehen und ein Bild des regelrechten ausgeliefert Seins, hin und her gerissen zwischen Verlangen und Ablehnung. Die 16 TänzerInnen des italienischen Alterbaletto kreieren in Soli, Paar und Gruppentänzen unterschiedlichste Tanzstile und kreative Bewegungsformen und schrecken nicht davor zurück, Intimität und Sinnlichkeit auf die Bühne zu bringen. Johann Inger möchte mit seiner Darstellung auch an die #MeToo Bewegung und das große Missbrauchs Thema anknüpfen und aufzeigen welch Wellen auch manch „polyamouröse“ Bewegung schlagen kann. Wohl oder übel werden wir daran erinnert wie prägend Kindheitserfahrungen sind, und sie uns bis tief in unsere Zwischenmenschlichkeit prägen. Ein sehr tiefgründiges Stück, welches die gegensätzlichen Gefühle auf beeindruckend tänzerischer Art und Weise darstellt und mit seiner Abstraktheit viel Deutungsspielraum bietet.

Katharina Hrubesch

Veröffentlicht von Katharina Hrubesch

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