Mit Robert Wilsons Inszenierung des Jugendbuch-Klassikers Jungle Book, gelang eine fulminante Saisonerööfnung 2020/2021. Die poppigen Songs des Schwesternpaares CocoRosie bleiben noch lange im Ohr.  © Friederike Kommer

Elektronikschrott im Dschungel

Mit Robert Wilsons Inszenierung des Jugendbuch-Klassikers Jungle Book, gelang eine fulminante Saisonerööfnung 2020/2021. Die poppigen Songs des Schwesternpaares CocoRosie bleiben noch lange im Ohr.

26. & 27. SEPT 2020 Robert Wilson . CocoRosie: Jungle Book/Das Dschungelbuch

Am 26.9. feierte das Festspielhaus St. Pölten die Eröffnung der Saison 2020/21 mit der Premiere des “Jungle Book”, einer Koproduktion mit dem Théâtre de la ville de Paris, des legendären Künstlers Robert Wilson.

Im Corona Modus präsentiert sich das Festspielhaus für seine Gäste gut gerüstet. Mund - Nasen - Schutz ist Pflicht. Ordner und Leitsystem stärken das Vertrauen an einem sicheren Ort zu sein. Die leeren Sitze sind mit schwarzem Tuch bespannt und fallen so weniger ins Auge als die vielen Menschen, die gekommen sind. Es fühlt sich wie heimkommen an.

Am Bühnenvorhang leuchtet die Einladung “JUNGLE”. Elefant Hathi, Augen klimperndes Mädchen und Conferencière im weißen Spitzenkleid, schlüpft als erste hindurch. Nacheinander, mit Abstand, treten die weiteren Akteure vor, moderne Fabelwesen in smarten Outfits, den Kostümen von Jacques Reynaud. Sie tanzen und singen mit schönen Stimmen. Der Dschungel kann bei Robert Wilson Natur und Großstadt zugleich sein. Der gefährliche Tiger Shere Khan erscheint im gelb-braunen tight-fit Anzug, als käme er aus der Unterwelt. Dem bauchigen Bären Balu hat Reynaud ein kariertes Clownkostüm angepasst. In den dünnen roten Shorts und Shirt wirkt der Strubbelkopf Mowgli unglaublich zart und verletzlich. Zum Song “This is the law of the jungle” balanciert der Affe auf der Brüstung zum Orchestergraben.

Fünf Musiker spielen live die Musik, die Cocorosie für das “Jungle Book” geschrieben haben, ein ins Ohr gehender Mix aus verschiedensten Stilrichtungen. Hergebrachte Grenzen kommen auch in Bewegung, wenn die gesprochene Sprache französisch und die Liedtexte englisch sind, und über der Bühne eine Leuchtschrift auf deutsch begleitet. Einfach und klar strukturiert die Kulisse aus stilisiertem Blattwerk die Bühne. Die Gesten aller Darsteller sind eindeutig und ausschließlich, beinahe revuehaft, dem Publikum zugewandt. Sie lassen sich wie ein Bilderbuch lesen, etwa Mowglis staunenden Gesichtsausdruck oder seine Abwehr, wenn er die Hände, die Handflächen zum Publikum, von sich streckt. Dieses Federgewicht eignet sich die rote Blume, das Feuer an und wird mächtiger als der Tiger. Aber Mowgli vernichtet den Tiger nicht. Die Tiere des Dschungels haben ihn das Töten nicht gelehrt. Dem Tierreich entwachsen sucht er die Gesellschaft der Menschen. Doch er heult mit den Wölfen, die ihn aufgezogen haben. So kehrt er in den Dschungel zurück, als einer, der da und dort nicht oder nur halb zu Hause ist… ein Schicksal, das heute viele mit ihm teilen. Die Lichttechnik zaubert die Tiefe des Waldes auf die Bühne. Sie enthüllt den Dschungel als zerstörtes Biotop. Mit gezücktem Gewehr durchstreift der Schatten eines Jägers den Hintergrund, und der Affe tanzt auf Elektronikschrott. Menschen verändern die Lebensbedingungen auf der Erde. Das Stück zeigt nur, wie es ist.

Der visionäre Robert Wilson hat das Jungle Book gerade jetzt so und nicht anders inszeniert. Klein und Groß können die Zeichen der Zeit lesen. Es wirft Fragen auf und macht Mut, bleibt Zauber und Märchen. Das Festspielhaus hätte mit keiner anderen Premiere die Saison gelungener eröffnen können als mit dem Jungle Book von Robert Wilson.

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