Jungle Book reimagined: Die weniger gemütliche Mowgli Geschichte

Rudyard Kiplings Geschichte über Mowgli (zu deutsch Mogli) kennt vermutlich jede:r, doch das Festspielhaus St. Pölten zeigt als deutschsprachige Premiere eine sehr überarbeitete Adaption der beliebten Kindergeschichte. In der Neuinszenierung der Akram Khan Company ist Mowgli im Jahr 2022 ein kleines Mädchen, eine Klimaflüchtige, die zwar dem steigenden Meeresspiegel entkommen kann, aber nicht den dahinterliegenden gesellschaftlichen Problemen.

Rudyard Kiplings Geschichte über Mowgli (zu deutsch Mogli) kennt vermutlich jede:r, doch das Festspielhaus St. Pölten zeigt als deutschsprachige Premiere eine sehr überarbeitete Adaption der beliebten Kindergeschichte. In der Neuinszenierung der Akram Khan Company ist Mowgli im Jahr 2022 ein kleines Mädchen, eine Klimaflüchtige, die zwar dem steigenden Meeresspiegel entkommen kann, aber nicht den dahinterliegenden gesellschaftlichen Problemen.

Akram Kahn macht in „Jungle Book reimagined“ den Klimawandel, als eines der drängendsten Probleme unserer Zeit zum Hauptthema und denkt damit einhergehend die Prozesse einer Tanzproduktion und im speziellen das Bühnenbild neu. Anstatt aufwendigen und schwer transportablen Kulissen setzt die Kompanie, ganz im Sinne des „Green Tourings“ auf digitale Animationen und Kurzfilmsequenzen. Auch wenn dieser Schritt lobenswert und im speziellen als Referenz auf den Disney-Erfolgsfilm gesehen werden kann, muss angemerkt werden, dass die Aufführung dadurch an vielen Stellen mehr Ähnlichkeit mit einer Kinovorstellung als einer Bühnentanzperformance hat. Die Integration von Animationselementen in die Performance ist eine schöne Erweiterung der Bühnenerfahrung, aber die Videoclips sind insgesamt zu überfordernd und werden nicht wirklich gebraucht.

Damit wird speziell über die Tanzperformance ein Schatten gelegt, den gerade die zehn Tänzer:innen nicht verdient haben. Mit ihren anspruchsvollen bodennahen Bewegungen sind sie nämlich das wirklich große Kino und schaffen es auf eindrucksvolle Weise auch ohne Kostüme das Tier in sich selbst zu befreien und die bekannten Disney-typischen Charaktere zum Leben zu erwecken.

Greta Thunberg und der Trauma-Plot

In dieser Produktion steht jedoch das Storytelling mit großen englischsprachigen Textanteilen im Vordergrund. So findet auch das berühmte Greta Thunberg Zitat „How Dare You?“ mehrmals ihren Weg in den Dschungel. Was eigentlich der Gänsehautmoment sein sollte, schlägt jedoch durch die Memekultur des Internets zur Lachnummer über.

Ebenfalls darf der sogenannte „Trauma-Plot“, der in allen Erzählformen der letzten Jahre gerade seine Hochkonjunktur feiert, nicht fehlen und so ist nicht nur Mensch, sondern auch jedes Tier mit einer schmerzhaften, nicht verarbeiteten Vorgeschichte ausgestattet. Doch auch hier wäre diese Art der Opfernarration gar nicht notwendig gewesen, um die Zuseher:innen zu emotionalisieren und das beweist alleine schon die Geschichte selbst, die sich über ein Jahrhundert erfolgreich auch ohne dieses erweiterte Element verkauft hat.

Am Ende kämpft das Stück damit, all diese losen eingebrachten Enden miteinander zu verknüpfen und in sich zu schließen. Khan zeigt so viele große wichtige Themen wie Krieg, die Reduktion der bewohnbaren Fläche auf dieser Erde, das Massensterben im Mittelmeer, die Einsichtslosigkeit des Menschen und die ungleiche Mensch-Tier-Beziehung auf, doch denkt sie nicht zu Ende. Statt einer fantasievollen und unterhaltenden Tanzvorstellung schwingt der Choreograf zwei Stunden den erhobenen Zeigefinger ohne Lösungsvorschläge anzudeuten. Mowgli schafft es nicht, nach auferlegtem Selbstfindungstrip ihre Stimme zu finden und das dringend gebrauchte Happy End in dieser Zeit bleibt aus. Die Realität holt die Bühne ein und am Ende bleibt eigentlich nur ein Fazit: Den Bösewicht Shir Khan braucht es in dieser Version des Dschungelbuchs nicht, denn eben diese Rolle hat von Beginn an der Mensch eingenommen, und ob er sich am Ende bekehren lässt, darf jede:r für sich selbst entscheiden.

Magdalena Bauer

Veröffentlicht von Magdalena Bauer

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