Am 26. September wurde dem Festspielhaus St. Pölten nach sechs Monaten Pause wieder Leben eingehaucht. Ein Stück indischer Dschungel mitten in Niederösterreich: Mit seiner Interpretation des Dschungelbuchs sorgte der Regisseur und Theaterautor Robert Wilson aber nicht für ausverkaufte Ränge. Die Covid-Maßnahmen im Festspielhaus verhinderten dies vorschriftsgemäß. © Nina Ebner

Robert Wilson wagt sich im Festspielhaus an den Klassiker Jungle Book

Am 26. September wurde dem Festspielhaus St. Pölten nach sechs Monaten Pause wieder Leben eingehaucht. Ein Stück indischer Dschungel mitten in Niederösterreich: Mit seiner Interpretation des Dschungelbuchs sorgte der Regisseur und Theaterautor Robert Wilson aber nicht für ausverkaufte Ränge. Die Covid-Maßnahmen im Festspielhaus verhinderten dies vorschriftsgemäß.

Die Kindergeschichte Dschungelbuch nach Rudyard Kiplings stellt die bekannten Fragen nach Heimat, Familie und Zusammenhalt. Das kleine Menschenkind Mowgli wird im Dschungel von wilden Tieren aufgenommen und akzeptiert, bis es schließlich zu Seinesgleichen, den Menschen, geschickt wird. Wo das Kind ja eigentlich hingehöre. Doch Mowgli spricht ihre Sprache nicht, er kennt die einfachsten Regeln des menschlichen Lebens nicht. So ist er weder dort noch da so richtig zuhause – ist er heimatlos?

Der gebürtige Texaner Robert Wilson zählt zu den führenden zeitgenössischen Theatermacher*innen – international. Mit Kooperationen u.a. mit dem Dramatiker Heiner Müller, den Sängern Tom Waits und Herbert Grönemeyer oder der Regisseurin Susan Sontag hat sich Wilson schon oft prominente Unterstützung in der Umsetzung seiner künstlerischen Arbeit gesucht. So auch dieses Mal: Er erzählt die Geschichte des Dschungelbuchs gemeinsam mit dem Indie-Pop-Duo CocoRosie, das für Musik und Lyrics verantwortlich ist. Die Schwestern Sierra und Bianca Casady stehen für eine bunte Mischung aus Folk, Hip-Hop, Reggae, Perkussion und elektronischer Musik. Dass diese Koproduktion bei diesen Voraussetzungen keinesfalls gewöhnliche Erzählmanieren bedeuten kann, ist bereits vor dem Öffnen des Vorhanges klar: Die Musik ist imposant, beinahe unheimlich durch die dumpfen Töne, die auf ein großes Geschehen hinweisen. Herzklopfen wird nachgestellt, die klimatisierte Luft scheint elektrisiert. Tierische Geräusche schneiden die musikalischen Klänge. Das Saallicht ist noch nicht ganz aus, als das musikalische Spektakel losgeht und die Schauspieler*innen die Bühne betreten. Sie agieren immer im Gleichschritt mit der Musik. Sie werden nicht von ihr begleitet, sie werden von ihr gesteuert. Bestimmte Bewegungen lösen bestimmte Klänge aus – und dieses System hält sich über die gesamte Spieldauer.

Die eindrucksvolle Symbiose aus Schauspielenden und Musik bedingt eine unscharfe Trennung zwischen Bühne und Orchestergraben. Immer wieder kommen Schauspieler*innen aus dem Orchesterbereich auf die Bühne. Der Affenkönig Louis balanciert sogar für ganze Szenen am Rahmen des Grabens – die künstliche Trennung der Bereiche wird hier bewusst aufgehoben. Es kommt zum Höhepunkt dieses Stilgriffs, als sich nach einem ergreifenden Solo des Panters Bagheera das Saallicht ändert, die Bühne leer wird und einzelne Musiker*innen aus dem Orchestergraben aufstehen und damit für das Publikum sichtbar werden: Plötzlich ist es allein eine Geigerin, die mit einem schnellen Solo das Geschehen bestimmt, dann ein Klarinettist, dann wieder ein Klavierspieler, ein E-Bass-Spieler oder ein Beatboxer. Eine Performance, die für anerkennenden Zwischenapplaus aus den Zuschauer*innenreihen sorgt. Von wegen Illusion des stimmigen Bühnenkunstwerks mit ein bisschen Begleitmusik: In Jungle Book geben wortwörtlich die Musiker*innen den Ton an.

Inhaltliche Schwerpunkte des Stücks werden durchwegs in ausdrucksstarken Liedzeilen umgesetzt: „This is the law of the jungle“ heißt es so auch im rhythmischen Abschlusssong, der bei Robert Wilsons Inszenierung den Abend beschließt. Das Publikum klatscht mit, manche singen mit, die etwas Schüchternen formen mit ihren Lippen die Worte – doch bei allen lässt sich ein Lächeln unter den Mundnasenschutzmasken vermuten. Auf der Bühne tanzen die bunten Bühnenakteur*innen, die mit Begeisterung für ihr Tun die zweifache Premiere zu Ende gehen lassen: Jungle Books Österreichpremiere und gleichzeitig die Wiedereröffnung des Festspielhauses nach dem Corona-Tiefschlaf sind geschafft! Auch aufkeimende Genervtheit des Publikums hinsichtlich der verstärkten Hygieneregeln ist mittlerweile vergessen: Während in der ersten Szene noch ein geflüstertes „Schon unsexy mit Maske…“ aus den Nebenrängen zu mir dringt, löst sich auch das am Ende in hellem Applaus auf.

Mit Jungle Book legte das Team rund um Robert Wilson und CocoRosie die Inszenierung auf ein buntes Gesamtwerk aus Gesang, Schauspiel, Choreografie, Lichtdesign und Bühnenbau aus. Doch was das Publikum eindrücklich mitreißt, ist ganz klar die packende Musik. Keine Handlung auf der Bühne hätte ihre Wirkung, wären da nicht die ständigen musikalischen Veränderungen, das wilde Experimentieren mit Klängen und Tönen. Davon lebt die Inszenierung. Die Geschichte, die viele von uns aus Vorlesestunden aus dem Kindergarten kennen, erzählen in Jungle Book die Töne.

Mein Besuch

0 Einträge Eintrag

Voraussichtliche Besuchszeit

Liste senden