Von Wuppertal nach Afrika, die Spur der Königin

»Wie würdest du tanzen, wenn du wüsstest, dass du sterben wirst?« fragte Pina Bausch als sie die richtigen Schritte für ihre berühmte Frühlingsopfer-Interpretation zu Igor Strawinskis Ballettmusik Le Sacre du Printemps suchte. Stampfende Musik, verdrehte Körper: Auf der Bühne des ausverkauften Festspielhauses St. Pölten tanzte sich ein Ensemble in einem atemberaubenden Opferritual zu Tode. Die Choreografie in der legendären Interpretation durch eine der bedeutendsten Ikonen des zeitgenössischen Tanzes wurde mit 28 TänzerInnen aus 14 afrikanischen Ländern einstudiert. Darüber hinaus tanzten Germaine Acogny und Malou Airaudo in der Neukreation „common ground[s]“ ihre eigenen emotionalen Erfahrungen, Geschichten, sowie eine namensgebende „gemeinsame Grundlage“.

»Wie würdest du tanzen, wenn du wüsstest, dass du sterben wirst?« fragte Pina Bausch als sie die richtigen Schritte für ihre berühmte Frühlingsopfer-Interpretation zu Igor Strawinskis Ballettmusik Le Sacre du Printemps suchte. Stampfende Musik, verdrehte Körper: Auf der Bühne des ausverkauften Festspielhauses St. Pölten tanzte sich ein Ensemble in einem atemberaubenden Opferritual zu Tode. Die Choreografie in der legendären Interpretation durch eine der bedeutendsten Ikonen des zeitgenössischen Tanzes wurde mit 28 TänzerInnen aus 14 afrikanischen Ländern einstudiert. Darüber hinaus tanzten Germaine Acogny und Malou Airaudo in der Neukreation „common ground[s]“ ihre eigenen emotionalen Erfahrungen, Geschichten, sowie eine namensgebende „gemeinsame Grundlage“.

Endlich konnte das langersehnte künstlerische Ereignis stattfinden: Nach dem Abbruch der Proben und der Absage der Premiere sowie der ersten Tourdaten aufgrund der Pandemie, konnte die Neuinterpretation des Klassikers des modernen Balletts im Rahmen des Doppelabends „Das Frühlingsopfer • common ground[s]“ am 09. Oktober 2021 zur Aufführung kommen – und zwar in einer einzigartigen Zusammenarbeit der Pina Bausch Foundation mit der senegalesischen École des Sables und Sadler’s Wells.

Seit Igor Strawinsky vor dem Ersten Weltkrieg das berühmte Stück für die Ballets Russes von Sergei Djagilew komponierte, haben viele ChoreografInnen das Frühlingsopfer in einer eigenen Interpretation herausgebracht. Zu ihnen gehören unter anderem Léonide Massine (1920,1930, mit Martha Graham), Maurice Béjart (1959) und in jüngster Zeit Angelin Preljocaj (2001) – der übrigens im September mit seiner zeitgenössischen Übersetzung von Schwanensee die neue Saison im Festspielhaus eröffnet hat.

46 Jahre nachdem Pina Bausch am 3. Dezember 1975 ihr eigene Sacre-Kreation präsentierte, und zwölf Jahre nach ihrem Tod, scheint der Pioniergeist der Choreographin in diesem Programm fortzuleben. 

Ein choreografiertes Ritual im Zeichen des Austauschs

Ein warmes Licht hüllt die Bühne in eine rot-orangene Farbe. Zwei dunkle Silhouetten zeichnen sich ab, die beiden schwarz gekleideten, über 70-jährigen Tänzerinnen setzen auf minimalistische Gesten, umarmen sich zärtlich, murmeln in einer Art Ritualzeremonie Gedichte, die den Regen beschwören. In einem poetischen Duett tanzen Germaine Acogny, „Mutter des zeitgenössischen Tanzes in Afrika“ und Gründerin der École des Sables, und Malou Airaudo, Ikone der ersten Stunde im Tanztheater Wuppertal, erst nebeneinander, dann miteinander und führen einen wortlosen Dialog, der die Betrachtenden tief berührt.

30 Minuten Erde, Blut und Angst

Teil zwei des Abends ist Pina Bauschs berühmte Choreografie zur Igor Strawinskys Komposition, diesmal mit einem neu dafür formierten Ensemble aus 14 afrikanischen Ländern.

Sechs große silberne Container kommen auf die Bühne, Menschen treten auf und schaufeln die Erde aus den Behältern. In wenigen Minuten werden literweise Erde auf die Bühne geschüttet. Dieses erdige Bühnenbild ist der Schauplatz des Werks, das 1975 choreografiert wurde.

Dreißig Minuten später wird dieser Torfboden durch das nervöse Getrampel und Hin- und Hergehen der euphorischen Tänzer zerstört sein. Es schmeckt nach Angst und Leiden, nach dem Schrecken, der eine Gruppe von Menschen ergreift. In dem von der slawischen Mythologie inspirierten Frühlingsritual wird eine junge Frau in einem Tanz zur Anbetung der Sonne als Sündenbock ausgewählt und in den Tod gestürzt. Sie muss den Übergang vom Winter zum Frühling ermöglichen, sie muss sterben, damit die anderen leben können. Die TänzerInnen sind wie besessen, tief geerdet, die Schultern sind hochgezogen, die Arme hängen nach unten, und man hat das Gefühl, dass der Tanz keine Atempause lässt. Die Macht der Gruppe ist meisterhaft. Die Männer in schwarzen Hosen auf der einen Seite, die Frauen in fließenden sandbeigen Negligé-Kleider auf der anderen, bringen die Bühne ständig in und aus dem Gleichgewicht. Khadija Cisse tanzt das finale Solo des Opfers. Ganz in Rosa gekleidet – während das Opferkleid in Bauschs erster Choreografie blutrot war – konnte die junge Tänzerin die Zerrissenheit der Frau ausdrücken, die ihren eigenen Tod vor sich sieht – einfach bezaubernd.

„Als ich Strawinskis Musik zum ersten Mal hörte, spürte ich unmittelbar, dass sie ein afrikanischer Ritus war“, so Acogny. Und tatsächlich haucht dieses Ensemble Bauschs Choreografie neue Energie und Seele ein. Diese tellurische Kraft, diese absolute Verzweiflung, dieses Zerrissensein... all das geschah am Samstag in St. Pölten, unter begeistertem Beifall des Publikums.

Zélie Waxin

Veröffentlicht von Zélie Waxin

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