Die emotionalen Abgründe des Don José

Ein großer Tusch eröffnet den Ballettabend am Festspielhaus St. Pölten. Die Tonkünstler Niederösterreich intonieren einen der bekanntesten Ohrwürmer überhaupt, das Prélude zu George Bizet's „Carmen“. Choreograph John Inger lässt seine getanzte Version der Oper so wie das Original beginnen: mit flotter, leichtverdaulicher Musik, die jedes erdenkliche Spanien-Klischee bedient.

Ein großer Tusch eröffnet den Ballettabend am Festspielhaus St. Pölten. Die Tonkünstler Niederösterreich intonieren einen der bekanntesten Ohrwürmer überhaupt, das Prélude zu George Bizet's „Carmen“. Choreograph John Inger lässt seine getanzte Version der Oper so wie das Original beginnen: mit flotter, leichtverdaulicher Musik, die jedes erdenkliche Spanien-Klischee bedient. © Jesús Vallinas

25 MAERZ 2017 Compañía Nacional de Danza: Carmen

Auf den pompösen Beginn folgt jedoch erholsame Stille. In einem einsamen Lichtkegel steht ein Knabe in kurzen Hosen, den ernsten Blick ins Publikum gerichtet. Diese Figur, deren Auftritte eng mit der Gefühlswelt des Don Josés verknüpft sind, wurde vom schwedischen Choreographen ergänzt. Wen oder was er dabei verkörpert bleibt auch im weiteren Verlauf der Fantasie der Zuschauenden überlassen.

Don José (Daan Vervoort) begegnet Carmen (Kayoko Everhart). Er verliebt sich. Er hadert mit sich. Er verfällt ihr hoffnungslos. Ingers Bewegungssprache lässt jede Gefühlsregung des Protagonisten klar erkennen und mischt klassisches Bewegungsmaterial mit zeitgenössischen Elementen.
Aufgebrochen wird die bekannte Handlung durch surreale Einschübe, in denen die Choreographie ihre größte Eigenständigkeit gewinnt. In giftgrünes Licht getaucht verfolgt Don José alle Frauen, er meint in Jeder Carmen zu erkennen. Tanzende Schatten des Todes lassen ermordete Rivalen lautlos entschweben. Gegen Ende jagen sie immer schneller über die Bühne, während der Held kaum noch von der Stelle kommt. Tief blicken die Zuschauenden durch diese bestechenden Szenen in die Psyche eines vom Schicksal gebeutelten Don José.

Doch so empathisch die Inszenierung auf die Gefühlswelt des Protagonisten eingeht, so oberflächlich wird Carmen porträtiert. Sie wird als wählerische und gefühlskalte Femme fatale dargestellt, die ihre Reize aus Berechnung einsetzt. Hier wird ihr Verhalten als Auslöser männlicher Gewalt interpretiert. Nicht nur wirft Inger damit einen rein männlichen Blick auf den historischen Stoff und die Figur der Carmen. Brutalität und Gewalt durch das Provozieren einer Frau rechtfertigen zu wollen, ist in unserer heutigen Zeit auch in der Kunst äußerst fragwürdig.

Wer Subtilität und Feinheiten im emotionalen Zusammenspiel auf der Bühne sucht, muss über ein paar uninspirierte, synchrone Gruppensequenzen hinweg sehen. Doch die tänzerische Qualität der gesamten Compaňia Nacional de Danza de Espaňa tröstet über inszenatorische Schwachstellen hinweg.

Veröffentlicht von Monika Demmer

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