Die unerträgliche Leichtigkeit des Südens

Oder: wie viel Sinnlichkeit verträgt der europäische Betrachter?

Oder: wie viel Sinnlichkeit verträgt der europäische Betrachter? © Jose Luiz Pederneiras

11 MAERZ 2017 Grupo Corpo

Die brasilianische Grupo Corpo gastierte im Festspielhaus St.Pölten mit einer lässigen Suite Branca von Cassi Abranches und einem/er verkitschten Danca Sinfonica von Rodrigo Pederneiras. Für beide Stücke gilt der Macho-Ballett-Verdacht.
Die TänzerInnen schrauben ihre gestreckten Beine sogleich in die Luft und verschieben ihre Becken keck in alle Richtungen. In ihren weißen Kostümen, welche das weibliche Sitzfleisch ganz gewollt konturieren, wirken die Damen etwas puppenhaft; als ob die Extremitäten nur für diesen Abend angeschraubt wurden und austauschbare Einzelteile wären. Ausgangspunkt der Bewegung ist für Abranches stets das Becken, das vieles initiieren und andeuten darf: sozusagen die Gebärzone des Tanzes und einer leicht schlüpfrigen Sinnlichkeit zugleich.
Die zweite Choreographie des Abends war als eine Bestandsaufnahme zum 40-Jahre-Jubiläum der Kompanie angekündigt. Herausgekommen ist aber leider eine verkitschte Nummernrevue ohne Begegnung mit einer Welt von heute. Es ergaben sich auch hier schlüssige Bewegungsfolgen, doch durchzog die Choreographie eine etwas in die Jahre gekommene Darstellung von Sinnlichkeit, die Pederneiras zu unrecht als unhintergehbar ausstellte. Ähnlich veraltet, wenn nicht patriarchalisch, schien mir das dadurch vermittelte Frauenbild. Denn was bitte wollte man uns mit dem schutzbedürftigen, elfenhaften Wesen sagen, das sich im Schlussbild ängstlich an den stoisch verharrenden Leib eines groß gewachsenen Tänzers klammerte? Dass brasilianische Choreographen Trump wählen wurden? Dass im Süden die Welt noch in Ordnung ist? Der regungslose Leib des Tänzers trotzte dann auch keiner Brandung; weil es schlicht nichts gab, was anbrandete.

Veröffentlicht von Jörg Oberreiter

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