Immer wieder Romeo und Julia

© Jean Claude Carbonne

24/25 NOV 2018 Ballet Preljocaj: Roméo et Juliette

Diesmal treffen Romeo und Julia in einem von den Capulets totalitär regierten Verona aufeinander. In der Bühnenversion des französisch-albanischen Starchoreografen Angelin Preljocaj ist aus der Rivalität befeindeter Familien groß angelegter Klassenkampf geworden, Lumpenproletariat gegen autoritär herrschende Oberschicht. Unbehagen erzeugt neben der Geräuschkulisse – dystopische Soundscapes von Goran Vejvoda sind zwischen Prokofjew montiert – auch das Bühnenbild (Enki Bilal). Der berühmte Balkon der Liebenden ist zu einem Gefängniswachturm geworden, der Foucaults Surveiller et Punir entnommen sein könnte, und heute „Festung Europa“ assoziiert.

Große Weltliteratur, neu erzählt von Körpern in Bewegung brachte Romeo et Juliette am 24. 11. 2018 ins Festspielhaus St. Pölten, begleitet vom Tonkünstlerorchester unter Garrett Keast.  Dabei zeigt sich eindrücklich, warum uns die alten Geschichten immer noch begeistern.

Gänzlich ohne Musik betritt Julia (Virginie Caussin) die Bühne.  Sie balanciert und taumelt bevor sie den burlesk und hofnärrisch auftretenden Ammen mit gewagten, jugendlichen Sprüngen ihre Träume darlegt. Ihr Übermut findet in Romeo (Laurent Le Gall) eine würdige Entsprechung. Mit heftigen und ausladenden Gesten nähern sie sich aneinander an. Stürmisch, alles wagend, schöpfen sie aus ihrem Innersten und werfen sich einander hin. Ihre im Sprung aufeinanderprallenden Körper erzählen die Intensität der ganz großen Liebe.

Die Sehnsucht dieser Begegnung wirkt vor allem im Kontrast zum Ensemble, das mit militärischen Bewegungsabfolgen als diktatorische Miliz über die Bühne exerziert. Ihre demonstrative Gewaltbereitschaft erscheint – vor allem aufgrund der unaufhörlichen Wiederholungen von Truppenübungen - als totalitäre Gleichmacherei und als militärisches Laufrad, das wie ein Uhrwerk funktioniert. Später, während Julia sich vermeintlich vergiftet, werden die schwarze Lack- und Lederuniform und der Schlagknüppel gegen weiße Sträflingskleidung getauscht.  Das Bild ist komplett –  in einem totalitären System sind auch die Machtausübenden Gefangene.
Bevor Julia begreift, dass Romeo tot ist, nimmt sie dreimal Anlauf. Springt. Wirft sich ihrem Geliebten hin, dessen leblosen Körper sie zuvor auf einem Sessel arrangiert hat. Er fängt sie nicht, und Julias Körper rollt wie erschlagen die Bühne entlang zu Boden. Ohne Musik hat sie die Bühne betreten und ohne stirbt sie.

Romeo und Julia neu, von Körpern in Bewegung erzählt, heißt auch, dass die bekannten Nebenhandlungssträngen vernachlässigt werden. Die Inszenierung Veronas als Überwachungsstaat hat wohl über die Jahre (die Version stammt aus 1996) einiges an Wirkung verloren. Das wirklich Zeitlose des Stoffes ist aber trotzdem bewegend erzählt.  Genauso kann es aussehen, wenn junge Liebe an der Welt zerbricht.

Christine Mayrhofer

Veröffentlicht von Christine Mayrhofer

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