Kulturelle Vielfalt ohne Ecken und Kanten

- „Acosta Danza“ im Festspielhaus

- „Acosta Danza“ im Festspielhaus  © N. Reyes

22 SEP 2018 Acosta Danza . Tonkünstler: Carlos Acosta - A Celebration

Carlos Acosta ist ein Mann mit vielen Interessen– der gebürtige Kubaner hat es als Tänzer bis ins Londoner „Royal Ballet“ geschafft, ein Job, den er schließlich 2015 an den Nagel hing. In Spitzenschuhen hält es schließlich auch der passionierteste Profitänzer nicht auf unbestimmte Zeit aus. Daneben hat er choreografiert, als Schauspieler gearbeitet, einen Roman und eine Autobiografie verfasst. Auch sein Pensionsprojekt, die junge Compagnie „Acosta Danza“, soll verschiedene Stile und Tanzformen zusammenführen. Betont divers also, stilistisch wie kulturell, gibt sich auch die Auswahl von vier Stücken beim Gastspiel im Festspielhaus St.Pölten, begleitet vom hauseigenen Tonkünstler-Orchester.
Die Skyline Havannas fungiert mittels Videoprojektion, im Zeitraffer und in verschiedenen Farbtönen gehalten, als Hintergrund für das erste Stück De Punta a Cabo. Mal akrobatisch, mal jazzig, erst schwermütig, dann wieder leichtfüßig angeberisch, gibt sich die impulsive Choreografie, die ein echtes, gegenwärtiges Kuba abbilden soll.  
Der mythischen Gestalt des Fauns und seinem sexuellen Erwachen wird in Fauno zu Klängen von Debussys prélude, ergänzt mit Musik von Nitin Sawhney nachgegangen. Den Solisten Carlos Luis Blanco und Zeleidy Crespo gelingt mittels intensiver Körpersprachen und Bewegungsqualitäten eine faszinierende zeitgenössische Begegnung.
Rooster, ein Stück zu acht Nummern der Rolling Stones, das gänzlich auf ein Bühnenbild verzichtet, nimmt im rot-schwarzen Farbschema der Kostüme bereits den Höhepunkt des Abends vorweg: Auch in Carmen findet schließlich klassische Musik (hier von Bizet) und zeitgenössische Musik (von Martin Yates) zusammen. Der Meister selbst tanzt dem erfreuten Publikum einen aufsehenerregenden Escamillo. Spätestens jetzt ist jedoch jeder Anspruch auf Authentizität verloren gegangen – Kulisse, Kostüm und Tanz wollen, begleitet vom Tonkünstler-Orchester unter der Leitung von Paul Murphy, vor allem eins: das ganz große Können des Ensembles unter Beweis stellen.
Das sichtliche Bemühen um Modernität und Perspektivenvielfalt ist unschwer zu übersehen. Immer wieder kommt es zu Gegenüberstellung und Ineinandergleiten von Altem und Neuem, Hoch- und Populärkultur. Obwohl die verschiedenen Tanzstile auf höchstem Niveau kombiniert werden, kommt der Verdacht einer musicalhaften und showdance-lastigen Universalästhetik auf. Etwas verkrampft wirken die Stücke nebeneinander gestellt; weder eine klare Entwicklungslinie, noch bewusst positionierte Brüche lassen sich ausmachen. Acosta Danza bietet vor allem eine gekonnte, professionelle Show, die von Folklore bis Hip-Hop alles abdeckt, zwar vieles aufgreift, aber letztlich wenig zu erzählen hat und so dem eigenen Anspruch einer einzigartigen Diversität nicht gerecht wird.

Christine Mayrhofer

Veröffentlicht von Christine Mayrhofer

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