Besuch im Haute-Couture-Atelier von Iris van Herpen

Die niederländische Star-Designerin stattet die Tänzerinnen und Tänzer in Sasha Waltz‘ neuester Kreation mit bemerkenswerten Kostümen aus. Wir haben Sie in Ihrem Atelier besucht und über die Zusammenarbeit mit der Choreografin gesprochen.

Aus ihrem Atelier in einem alten Fabriksgebäude im Norden von Amsterdam blickt man durch großzügige Fenster direkt aufs Wasser. Eine Katze wärmt sich in der einfallenden Sonne am Fensterbrett und die rund ein Dutzend Handwerkerinnen und Handwerker arbeiten in stiller Konzentration an der neuen Kollektion, die Iris van Herpen im Jänner 2019 in Paris präsentieren wird. Streng geheim sei das alles natürlich noch, also bitte keine Fotos machen, so die junge Niederländerin mit Nachdruck. Die neue Haute-Couture-Kollektion ist aber auch gar nicht der Grund des Besuchs in Amsterdam. Vielmehr interessiert uns die Zusammenarbeit Iris van Herpens mit der Choreografin und Opernregisseurin Sasha Waltz, die am 08. Dezember 2018 ihre neueste Performance „Kreatur“ als Österreich-Premiere im Festspielhaus präsentiert. Die Tänzerinnen und Tänzer von Sasha Waltz‘ Ensemble sind dabei in Hightech-Kostüme aus Laser-Cutter und 3D-Drucker der innovativen Designerin gekleidet.


©Ute Zscharnt

Iris van Herpen war bereits vor der Zusammenarbeit für „Kreatur“ mit Sasha Waltz‘ Arbeit vertraut. Die Kooperation der Pionierin des 3D-Druckverfahrens für tragbare Kleidung mit der designierten Intendantin des Staatsballetts Berlin schuf neue Synergien und nährte sich aus der Wertschätzung und der Faszination für die Arbeit des jeweils anderen: „Als Kostümdesignerin für Sashas Stück war ich sehr privilegiert, denn sie wollte wirklich zusammenarbeiten und kam nicht mit einer fix-fertigen Idee, mit einem ausgereiften Konzept zu mir. Ich habe noch nie mit einer Choreografin zusammengearbeitet, die sich in ihrem Kreationsprozess mir gegenüber so geöffnet hat wie Sasha. Sie war neugierig wie ich den Körper, die Bewegung, den Tanz wahrnehme.“ Als Beispiel für die (zeit)intensive gemeinsame Arbeit beschreibt die Designerin die Entwicklung des schwarzen „Stachelkostüms“ (siehe Foto unten), das sich als eine der größten Herausforderungen im Kostümbild für „Kreatur“ herausstellte. Mit der ursprünglichen Skizze wollte van Herpen der Aggression Gestalt geben, einem Gefühlszustand, der in Waltz‘ Performance mitunter eine wichtige Rolle zukommt. „Sasha gefiel die Idee sehr gut, nur hatte ich keine Ahnung, wie ich diesen Entwurf auch tatsächlich realisieren sollte und entfernte ihn deshalb aus meinen Zeichnungen. Sasha gefiel die Zeichnung jedoch so gut, dass sie sie immer wieder zurückholte.“ So begann ein aufwendiger Entwicklungs- und Lernprozess mit vielen Testphasen, in dem aus einem Entwurf, einer abstrakten Idee, Schritt für Schritt ein bewegliches Gebilde entstand.

©Sebastian Bolesch

Iris van Herpen lässt sich für ihre waghalsigen Haute-Couture-Kreationen von Natur, Wissenschaft und Kunst inspirieren. Ganz besonders hebt die Designerin Tanz als persönliche Kraftquelle hervor – nicht zuletzt auch biografisch bedingt, wollte sie doch in Teenagerjahren selbst eine Tanzkarriere einschlagen: „Tanz ist für mich eine der schönsten Kunstformen überhaupt. Er ist so pur. Ausgehend von Nichts kann man lediglich mit seinem eigenen Körper eine komplett neue Welt erschaffen. Es gibt keine andere Kunstform die mich so inspiriert wie der Tanz.“ Die Kooperationen mit Tanzschaffenden zählen daher zu Iris van Herpens Herzensangelegenheiten. Eine weitere herausragende Zusammenarbeit in jüngster Vergangenheit feierte im Februar 2018 Premiere in Antwerpen: Für „Pelléas et Mélisande“ von Sidi Larbi Cherkaoui und Damien Jalet zeichnetet die Designerin für die Kostüme in einer Ausstattung von Marina Abramovic verantwortlich.

v.l. © Andreas Prieling, Sebastian Bolesch

Hinter Iris van Herpens Interesse an anderen Kunstformen sowie ihrer Neugierde auf die Welt jenseits der Mode steckt stets die Faszination für den Körper in Bewegung. So auch bei den Kostümen, die die Tänzerinnen und Tänzer in eine Art Wolke hüllen. Mit diesen Konstruktionen aus feinsten leicht verdrehten Aluminiumdrähten wollte Iris van Herpen kein Bekleidungsstück im eigentlichen Sinne schaffen: „Ich wollte etwas designen, was eigentlich gar nicht da ist. Die Kostüme sind auf der Bühne auch nur sichtbar, weil die Drähte auf den bewegten Körpern das Licht immer auf verschiedene Art und Weise reflektieren. Alle meine Kreationen sind erst in und durch Bewegung komplett.“ Die Frage, wie sich ein Kleidungsstück verhält wenn es getragen wird, spielt für Iris van Herpen eine zentrale Rolle – Bewegung ist der Schlüssel zum Verständnis ihrer faszinierenden Kunstwerke. Das mag neben vielen weiteren Gründen wohl ausschlaggebend für Sasha Waltz gewesen sein, sich für ihre neueste Choreografie mit dem innovativen Geist der niederländischen Designerin zu verbünden.

Text: Andreas Prieling

sa 08/12 Sasha Waltz & Guests: Kreatur

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