Cirque Alfonse im Interview

Interview mit Antoine Carabinier Lépine, Künstlerischer Leiter von „Tabarnak“ und Artist 

Ich habe bereits einige Circus-Performances unterschiedlichster Compagnien gesehen, aber eure Show war nun doch wieder einmal etwas anderes.
Viele unserer Artistinnen und Artisten sind lange Zeit mit weltberühmten Compagnien wie Cirque Éloize oder Cirque du Soleil getourt … Irgendwann wollten wir jedoch unseren eigenen Circus machen – wir wollten auf der Bühne wirklich wir selbst sein, und das vor allem authentisch und ohne dabei zu tricksen. Am wichtigsten ist es für uns, das Publikum bei unseren Shows mit ins Boot zu holen. Wir sind ein Teil des Publikums und das Publikum ist ein Teil von uns – diese Verbindung herzustellen ist unser wichtigstes Ziel.

Was unterscheidet nun also Shows von Cirque Alfonse von denen anderer Compagnien?
Seit der Gründung der Compagnie handeln die Shows von unserer Heimat Québec, sie erzählen von unseren Wurzeln und davon, wie es früher war und wie sich die Zeit verändert hat: Wir sind sozusagen der Circus mit dem ursprünglichsten Bezug zu unserem Heimatland. Wir möchten nichts machen, was wir nicht sind. Wir machen beispielsweise keine Western-Shows oder Shows die rein kommerziell auf den Mainstream-Geschmack abzielen. Wir versuchen, stets zu überraschen – uns selbst und unser Publikum. Wenn du mir vor zwei Jahren gesagt hättest, dass wir eine Show über die Kirche machen, hätte ich dich vermutlich für verrückt gehalten. Wir machen in unseren Shows nichts, was wir nicht auch wirklich wollen. Nichts mit dem einzigen Ziel, die Säle zu füllen – dafür respektieren wir uns selbst viel zu sehr. Natürlich sind wir mittlerweile auch kommerziell geworden – jedoch in einem gesunden Ausmaß, wie ich finde.

Ihr seid – im doppelten Wortsinn – eine sehr familiäre Truppe?
Ja das stimmt! Meine Schwester und ihr Mann sowie meine Freundin sind ebenfalls in der Show. In der Vorgänger-Show war auch noch mein Vater mit von der Partie. Hinter der Bühne kümmern sich meine Eltern um unsere drei Kinder, die uns auf der Tournee begleiten.

Das Wort „Tabarnak“ ist ja nun recht … unhöflich.
(Lacht) Ja, Tabarnak ist recht grob und in Québec tatsächlich ein sehr häufig und gerne verwendetes Schimpfwort. Zugleich kann man es fast in jedem beliebigen Kontext verwenden – z.B. wenn man glücklich ist. Es bedeutet ja nicht wirklich etwas – es leitet sich vom Wort „Tabernakel“ ab – dem kleinen Schrein mit der Hostie im Altar einer Kirche. Tabarnak als Schimpfwort und generell viele Kraftausdrücke in Québec haben ihren Ursprung in der Kirche und einer Zeit, als diese Institution sehr viel zu sagen hatte – die Bevölkerung hatte diesen Umstand satt.

Warum also „Tabarnak“ als Titel der Show?
„Tabarnak“ einerseits, weil sich die Show um die Kirche dreht und andererseits, weil es ein typisches Québecer Wort ist – es repräsentiert für uns sozusagen unsere Heimat. Im Ausland ergibt das Wort keinen Sinn, niemand würde es verstehen. Auch im Standard-Französisch gibt es diesen Ausdruck nicht.

Québec und speziell auch Montréal gelten als Zentrum des zeitgenössischen Circus. Wie hat sich diese Entwicklung ergeben?
Der Cirque du Soleil hat hier Pionierarbeit geleistet und neue Wege und Möglichkeiten für weitere Compagnien wie beispielsweise Les 7 doigts de la Main oder Cirque Éloize geschaffen. Außerdem gibt es die weltweit renommierte Circusschule in Montréal, die viel zur Popularität des Cirque Nouveau beigetragen hat.

 

Vincent Messager (Tourmanager von Cirque Alfonse) über die historische Rolle der katholischen Kirche in Québec, die den Hintergrund der Show „Tabarnak“ bildet

Mit der französischen Kolonisation (1534) wollte die katholische Kirche ein zweites Jerusalem aus Neu-Frankreich machen. Nachdem jedoch Großbritannien Kanada im Jahr 1763 erobert hatte, trafen die Engländer eine Art Vereinbarung mit unseren Priestern: „Wir Engländer sind Protestanten, ihr seid Katholiken. Ihr sprecht Französisch, wir Englisch. Ihr seid Bauern, Pelztierjäger und Holzfäller, wir sind Geschäftsleute. Kultiviert ihr eure Felder, aber lasst die Finger von den Geschäften … Dann wird es keine Probleme geben!“

Die Priester wollten sich das nicht gefallen lassen und kehrten in ihre jeweiligen Pfarren zurück, um Rache in Form der berühmt-berüchtigten ‚Revanche des bercaux‘ (Rache der Wiegen) zu schmieden. Die Idee dahinter war simpel: Die englische Dominanz sollte mit einer hohen Geburtenrate von französischsprachigen Kindern unterwandert werden. Als Folge wurden die Familien immer kinderreicher – eine normale Familie brachte es so im Zeitraum von 250 Jahre auf acht bis zwölf Kinder. Mit dieser Taktik wuchs die frankophone Bevölkerung Kanadas, vor allem auch durch den Einfluss der Priester, von lediglich 15.000 Einwohnern im 18. Jahrhundert auf heute knapp 8 Millionen. Die Geistlichen regierten in dieser Zeit unangefochten in ihrem kleinen Reich über die Gläubigen bis die Québecer Gesellschaft in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts von der sogenannten ‚Stillen Revolution‘ umgekrempelt wurde. Die vor allem das Gesundheits- und Bildungswesen dominierende katholische Kirche wurde zurückgedrängt – die Provinz Québec durchlebte einen Säkularisierungsprozess.

Man ist hinsichtlich der katholischen Kirche in Kanada also oftmals zwiegespalten – einerseits kann man sie nicht leiden, andererseits verdanken wir den Geistlichen als Hüter der französischen Kultur aber unser französisches Erbe in Kanada – ohne die Priester würde man heute in Québec kein Französisch mehr sprechen.“

 

fr 30/11 Cirque Alfonse: Tabarnak

sa 01/12 Cirque Alfonse: Tabarnak

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