Ein weißes Blatt Papier

Von Rosanna Wegenstein

Ich ärgere mich ein wenig. Denn vor mir liegt ein Blatt Papier. Das ist so weiß und leer und ich bin so ratlos.

Ich stelle mir vor, wenn es sprechen könnte, würde es sagen: „Ich biete Raum, auf dem deine ganze Welt neu erfunden werden kann. Wo all die Gedanken Platz haben, die du noch nie ausgesprochen hast. Von denen du vielleicht noch gar nicht weißt, dass es sie gibt. Auf mir könntest du all deine Träume festhalten. Kreativ werden wie nie zuvor.“

Auch die Welt rund um mich scheint mir ein wenig wie ein weißes Blatt Papier. So groß und weit und unbegrenzt. All die Namen, die ich ihr und meinen Tagen gab verschwimmen allmählich. „Was bedeutet es zu studieren?“, denke ich. „Was ist Zukunft und Vergangenheit? Was ist Party, Kino Theater und Beruf? Und wer bin ich nun eigentlich? Ist alles vielleicht eine Idee? Zufällig entstanden und nun zufällig pausiert? Könnte man sie vielleicht ganz neu erdenken? Gibt es darin Dinge, die für immer und beständig sind?“

Plötzlich streift etwas meine Wange. Ich hebe meinen Blick und merke, dass es ein kleiner Windstoß ist, der aus dem geöffneten Fenster meines Zimmers hereinkommt. Einfach so als wäre nichts. „Vermutlich fühlt er sich so ähnlich an, wie er sich für Menschen schon vor vielen, vielen Jahren angefühlt hat“, stelle ich mir vor. „Vermutlich wäre er ebenso gekommen ohne mich. Ohne Quarantäne und Corona.“

Das Vogelzwitschern draußen wird lauter. Ein Vogel fliegt schnell an meinem Fenster vorbei. Er ist klein und braun und unbeschwert, als gäbe es in diesem Moment nur ihn und die Sonne und die Luft. Plötzlich frage ich mich, ob die Welt um mich herum vielleicht nicht eine Idee, sondern ein Tanz ist und immer war und sein wird? Immer derselbe, der all die Ideen begleitet, die sie erfüllen?

Ein Wunsch mit ihr mitzutanzen kommt in mir auf. Mit ihr und ganz vielen anderen Menschen. Ich weiß nicht genau wie. Erst einmal bleibe ich also sitzen und schaue wieder auf das Blatt Papier. Ich fühle mich nicht weniger ratlos, doch ein bisschen weniger alleine. Und befreiter und beschützter.

 

Von Rosanna Wegenstein

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