Manchmal vergesse ich, manchmal träume ich

Von Anna Bauer

Wenn ich aus dem Fenster schaue, sieht die Welt so aus wie immer. Die Wolken klettern den Horizont entlang, die Äste sind noch kahl und abends leuchtet dieser eine Satellit am Himmel heller als der Mond. Es ist dieselbe Welt, die ich sehe, wenn ich aus dem Fenster blicke. Aber es ist nichts wie immer, das muss ich mir ständig ins Gedächtnis rufen, manchmal vergesse ich es einfach. Ich bin mir oft nicht mehr sicher, ob ich wirklich noch existiere, ich bin in Vakuum gepackt. Wenn ich spazieren gehe, fühlt es sich wie ein Traum an, weil das Leben aus den Straßen ausgezogen ist. Aber der Wind an der Wange und der Geruch von Wald und Wiese lässt mich wissen, dass ich noch da bin. Es wird so sein, als hätten diese Wochen nicht existiert, hat eine Schulkameradin vor einigen Wochen gesagt, so, als ob jemand auf Pause gedrückt hätte. Das habe ich mir lange gewünscht. Dass die Drehung der Welt einmal pausiert wird, damit ich alles machen kann, wofür ich sonst keine Zeit habe. Jetzt habe ich Zeit und ich tue die Dinge trotzdem nicht. Bevor der Stillstand durchs Land gezogen ist, habe ich mir in der Bücherei eine Tasche mit Geschichten angefüllt. Die Bücher stehen jetzt im Regal und sammeln Staub. Denn meine Gedanken sind mit anderen Dingen beschäftigt, sie saugen Schlagzeilen wie ein Schwamm auf und baden in der Angst. Momentan halte ich Literatur nicht aus, es reicht meine eigenen Gefühle tragen zu müssen. Filme gehen leichter, aber auch nicht alle. Den neuen Netflix- Account nutze ich kaum und meist mit bitterem Beigeschmack. Manchmal schaue ich aus schlechtem Gewissen auf hilfdeinemkino Filmtrailer für Kinos, die ich noch nie besucht habe und wohl auch nie besuchen werde. Bald werde ich diese Trailer im Schlaf runterbeten können, aber das ist okay, wenn dafür Kinos (über)leben. Wenn mein Kopf blockiert, dann gehe ich auf Instagram und lasse mich berieseln. Tagtäglich stolpere ich dort über Ankündigungen für Livestreams von Künstler*innen, die ich schon immer mal sehen wollte und denke mir, cool, dass ich die jetzt alle anschauen kann. Aber dann, wenn sie wirklich online sind, dann habe ich es schon längst vergessen. Es ist nicht dasselbe, wie wenn man aufgeregt vor einer Bühne wartet, bis der Vorhang geöffnet wird. Livestreams haben nicht diesen Adrenalinfaktor, und schon gar nicht dieselbe Qualität. Ich mag Künstler*innen lieber, wenn ich ihre Pixel nicht zählen kann. Manchmal träume ich von früher. Ich steige dann in den Zug und fahre nach Wien und schau den Schienengleisen beim Verschmelzen zu. Schlendere durch Museen oder Buchgeschäfte. Oder vergrößere mit einer Freundin meinen Bewegungsradius. Durch das kleine Fenster der Zugtür beobachten wir die ineinander schwimmende Landschaft, bis sie St. Pölten geworden ist. Wir gehen dann durch die Stadt und bleiben bei unserem blauen Märchenhaus stehen und dann laufen wir über diese eine vielbefahrene Straße und gehen ins Festspielhaus. Wir lassen uns voller Freude auf den schwarz-weiß gestreiften Stühlen nieder und taumeln aus der Vorstellung und eilen zum Zug, während wir versuchen zu begreifen. Wenn ich munter werde, bleiben davon nur ein paar Negative auf meiner Netzhaut zurück. Noch sind sie schön, aber im Laufe des Tages werden sie verschwinden, stattdessen werde ich mir Sorgen machen. Könnte ich Kraniche falten, dann würde ich das für den Kulturbetrieb machen, ich würde Kraniche falten, bis es tausende sind. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sieht die Welt so aus wie immer. Die Wolken klettern den Horizont entlang, die Äste sind noch kahl und abends leuchtet dieser eine Satellit am Himmel heller als der Mond. Es ist dieselbe Welt, die ich sehe, wenn ich aus dem Fenster blicke. Aber ich habe mich verändert, ich bin hungrig nach Dingen geworden, die einst selbstverständlich waren. Und ich habe Angst, dass es sie nicht mehr geben wird, dann danach.

 

Von Anna Bauer

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