#wearecommuntiy- Gemeinschaft trotz Stillstand

Interview von Katharina Hrubesch mit unserer Künstlerischen Leiterin Brigitte Fürle

Covid-19 hat mit einem Schlag alles anders gemacht. Mitte März mussten auch die Theaterhäuser ihre Türen schließen. Aber was ist ein Theater ohne Vorstellungen? Und wie geht es den Menschen, die für die Kunst arbeiten im Moment? Die Festspielhaus-Reporterinnen haben mit der Leiterin des Festspielhauses St. Pölten über den Ausnahmezustand gesprochen. Frau Fürle, wie geht es Ihnen in dieser turbulent stillstehenden Zeit? Wie hat sich ihr Arbeitsalltag verändert?
Ich bin bereits wie alle anderen schon die vierte Woche zu Hause, weitere Absagen und Verschiebungen halten mich auf Trab und seit kurzem wissen wir auch, dass es das war mit der Saison 2019/20. Wir kommunizieren nun per Mail, Telefon und Videokonferenzen. Die Arbeitswelt kommt gut zurecht mit dieser Situation und ich persönlich vermisse das tägliche Pendeln auch nicht wirklich, genauso wenig wie die zum Teil etwas redundante Meeting-Kultur. Ich glaube da bin ich nicht die Einzige, jetzt hat man auch mal Zeit für lange nicht aufgeräumte Plätze und ich versuche jeden Tag irgendwo ein bisschen Klarheit zu schaffen. Wabi-Sabi, dieses ästhetische Konzept von Schönheit und Einfachheit in der japanischen Kultur, fasziniert mich, oder einfach gesagt: Es ist eine gute Zeit, sich von unnötigen Dingen zu trennen.

Was beschäftigt Sie im Moment besonders?
Jetzt geht es vor allem darum: Werden wir im Herbst wieder spielen können, werden wir das Tragen von Masken im Publikum empfehlen, werden unsere internationalen Compagnien nur Corona getestet einreisen dürfen und wie geht es in der Praxis für uns Veranstalter weiter?

Wie ist es, ein Kunst- und Kulturhaus zu leiten, welches nun stillsteht? Wie hat sich Ihre finanzielle Verantwortung gegenüber Ihren Mitarbeitern verändert?
Wir haben als Führungskräfte der NOEKU schon vor zwei Jahren unseren Wunsch nach Homeoffice und Flexibilisierung der Arbeitszeiten für die Mitarbeiter eingefordert und sind daher bereits bestens eingespielt auf den Homeoffice-Betrieb. Das Modell Kurzarbeit der Bundesregierung wird für unsere Betriebe umgesetzt, nachdem Urlaube und Zeitausgleich konsumiert sind. Es gibt also trotz Absage der Festivals und Schließung unserer Häuser keine Kündigungen, was natürlich im Moment das Wichtigste ist. Und zum Glück konnten wir die Broschüre 20/21 vor der Sperre des Festspielhauses in Druck geben.

Wie weit planen Sie jetzt in diese Ungewissheit hinein und in welche Richtung?
Also wir haben die Planung 20/21 ja gerade in Druck und ich plane jetzt die Saison 21/22, das ist bei einem Haus dieser Größenordnung ein normaler Planungsvorlauf.

Können Sie sich vorstellen auch Streaming-Angebote zu schaffen, wie es jetzt viele Theaterhäuser tun?
Theater, Musik, Tanz muss man live erleben. Streaming-Angebote finde ich nur sinnvoll, wenn es sich, wie beim „Schwanensee“ von Martin Schläpfer, um eine professionelle Aufzeichung handelt. Aber sogenannte Arbeitsvideos zu streamen, davon halte ich wenig. Gute Aufzeichnungen sind ein eigenes Genre wie Filme, also versuchen wir, was geht zu verschieben, auch wenn das Veranstaltungs-Überangebot dann vermutlich auch ein Problem werden könnte.

Welche Veranstaltungen mussten abgesagt werden? Worum tut es Ihnen am meisten leid?
Am meisten hat mich gleich zu Beginn des Lockdowns die Absage von Martin Schläpfers „Schwanensee“ getroffen. Da wußte ich, es ist vorbei, da gibt’s auch keine zweite Chance, und mit einer ziemlichen Hartnäckigkeit hab ich mich dann für eine erneute Ausstrahlung der Aufzeichnung dieser wirklich wunderbaren Interpretation durch das Ballett Am Rhein auf 3sat eingesetzt. Wichtig ist, dass wir „Le Grand Continental: alle tanzen“ nicht absagen mußten. In dem großen partizipatorischen Tanzprojekt steckt schon so viel Arbeit drin und die Vorfreude von knapp 200 Mitwirkenden. Das mußte weitergehen. Wir haben es nun um ein Jahr verschoben.

Kunst ist gemeinschaftsbildend. Das Festspielhaus versucht jetzt über den Hashtag #wearecommunity, die Menschen auf virtuelle Weise zu connecten. Haben Sie noch weitere Angebote im Plan?
Man kann beispielsweise die Choreographie von „Le Grand Continental“ auch schon online einstudieren, aber lustiger wird es sicher erst sein, wenn wieder gemeinsam geprobt werden kann. Dennoch finde ich es toll, wie viele Angebote und Ideen es gibt von Tanzstunden auf Zoom bis zu gemeinsamen Konzerten.

Wird diese Krise eine nachhaltige Veränderung im Kulturbereich bewirken?
Kunst und Kultur werden immer einen großen gesellschaftlichen Stellenwert behalten, aber große Konzerte und große Häuser, auch wie das Festspielhaus, werden erst mal einen längeren Atem benötigen bis sich hier wieder ein normaler Ablauf einstellt.

Was würde eine Welt ohne Kultur für uns Menschen bedeuten?
Ich kann mir ein Leben ohne Kunst gar nicht vorstellen. Die Theater, Häuser und Festivals sind ja nicht nur Bühnen der KünstlerInnen sondern auch Orte der Gemeinschaft, wenngleich es gerade das ist, was im Moment vermieden werden soll. Aber die Zeit und das gemeinsame Erleben von KünstlerInnen und Publikum während einer Vorstellungen sind mithin die wichtigsten Momente einer Zivilgesellschaft – das Spiel kommt immer vor der Politik. Kunst ist kein Garant von Frieden und weltverändernd auch nur dann wenn sie Risiken eingeht, aber ohne Kunst sind wir eine sehr unberechenbare Spezies. Da habe ich meinen Beruf schon sehr bewusst gewählt.

 

Interview von Katharina Hrubesch

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