Wir hatten eine so schöne Freiheit

von Friederike Kommer

Seit dem 10. März trödeln bei mir die Tage dahin. Sie geben sich von selbst keine Struktur. Vieles, was mir Freude macht, ist plötzlich durch die Anordnungen der Regierung weggefallen. Ohne den Aufwind des gemeinsamen Erlebens mit Freundinnen und Familie bin ich ins Trudeln gekommen. Bei drohender Gefahr rollen sich Igel ein. Genauso fühle ich mich, zumindest am Anfang der Krise.

Ich gehöre der Risikogruppe 70+ an. Einen Virus möchte ich mir jetzt nicht einfangen. Intensivbetten sind rar. So wähle ich die Isolation. In seiner ersten Seuchenkolumne in der Wochenzeitung Falter schreibt Armin Thurnher, ebenfalls 70+: „Ich schulde der Welt einen Toten, um mit Heiner Müller zu sprechen, aber ich lasse mir mit der Rückzahlung Zeit.“ Darüber denke ich nach und organisiere meine Versorgung für den täglichen Bedarf. Andere Sorgen habe ich glücklicherweise nicht.

29.3.: Der kleine Zeiger der Uhr hat über Nacht eine Stunde übersprungen. Dagegen zeigt die Waage (noch) keine Zunahme an Gewicht. Noch vor dem Frühstück gehe ich in den Garten. Ich berate mich oft mit der Natur. Heute ziehen die Wolken eine Decke über meine kleine Welt. Die Stille ist beinahe schon zu laut geworden. Viel lauter aber hallen in meinem Kopf Aussagen, die von erschütternder Unmenschlichkeit und Verlogenheit im Schatten des Virus zeugen.

In der Muße meiner Tage genieße ich die fantasievolle Sprache von Elisabeth Schrattenholzers „Ich habe das Wort so gern“. Im Bücherregal finde ich noch einige andere Schätze, die ich früher nicht als solche erkannt habe. Trotzdem nimmt der Lesevorrat ab. Ich bestelle nach.
Tanz die Toleranz postet ein fröhliches Video zum Mittanzen: La Tarantella! Das Festspielhaus inspiriert mit Bodypercussion-Video-Tutorials, danke! Auch Ilse Buck ist wieder auferstanden, samstags auf Radio Ö1. Große Freude bereitet mir Camilla mit der Frage an die Festspielhaus - Reporterinnen: „Hast du Lust über deine Erfahrungen mit der aktuellen Situation einen Text zu schreiben?“ Nichts lieber als das!

„Ein Schwan im TV ist besser als eine Taube am Dach“, meint das Festspielhaus St. Pölten auf seiner Seite im Internet. Es musste zwei „Schwanensee“-Vorstellungen des Ballett am Rhein absagen. Eine Woche später zeigt 3sat die Choreografie von Martin Schläpfer. So schön diese Aufzeichnung auch ist, hinter dem Bildschirm vermisse ich die Intensität und das unmittelbare Erleben eines Abends im Festspielhaus sehr.

Ich komme auf Armin Thurnher („Ich schulde der Welt einen Toten…“) zurück. Der Rückzug eignet sich gut, finde ich, mir die Endlichkeit des eigenen Lebens vor Augen zu führen. Es  fällt mir nicht leicht, es ist viel zu tun und harte Arbeit. Aber Ich glaube, dass dieser Weg für mich zu einer neuen Qualität von Freiheit führt.

Die Sonne ist zurück! Jetzt kremple ich die Ärmel hoch und gehe in den Garten. Ich hoffe und wünsche mir, dass wir alle diese Situation meistern und heil überstehen. Um dann das Leben in seiner Tiefe, Fülle und Buntheit miteinander zu feiern. Auf Wiedersehen im Festspielhaus!

I love you. 

 

Von Friederike Kommer

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