Tanzkritik

Alte Weine und neue Tänze

Wein reift und bekommt im Alter mehr Inhalt und Geschmack, so wie gereifte Tänzer:innen sich in ihrem Ausdruck voll und ganz entfalten.

Als sich der Vorhang öffnet, lässt ein schwaches Licht ein kahles Zimmer erahnen. So eröffnet das Hessische Staatsballett die erste dreier zeitgenössischer Choreografien in St. Pölten. Als sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnen, sieht man die elfenbeinfarbene Haut einer Tänzerin hervorschimmern, die gerade von einer Figur in schwerer, höfischer, schwarzer Tracht eingekleidet wird. Eine Gruppe schwarz gekleideter Gestalten bildet einen Kreis um einen Tisch, auf dem später noch ein Baumgerippe platziert wird. Langsame Bilder prägen den Tanz im Lichtkegel. Klaviermusik, aber auch Streicher und Blechblasinstrumente unterstreichen die einzelnen Formationen der Tänze (Musik & Komposition von Angèle David-Guillou und Arrangement von Andreas Luca Beraldo). Scheinbar unbekleidete Tänzer:innen führen ihre Tänze um diesen rätselhaften Baum am Tisch auf. Wie ein Uhrwerk folgen die Tänzer:innen der Musik. Am Ende entledigen sich wieder alle ihrer Kleider und die 12 Tänzer:innen verschwinden im Dunkeln der Bühne. „Force Majeure“, choreografiert von David Raymond & Tiffany Tregarthen, bedeutet übersetzt „höhere Gewalt“.

Gefolgt wird der erste Teil, nach einer kurzen Pause, vom Stück „Midnight Raga“, einer Choreografie von Marco Goecke. Zur Zupfmusik von Ravi Shankar und Etta James, die klassische indische Musik zitiert, wird zuerst eine Pantomime von einem Tänzer auf die Bühne gebracht - ein wunderbarer Tanz in einem Lichtkegel, mit viel Ausdruck. Danach beleuchtet ein weiterer Lichtkegel einen weiteren Tänzer. In einem Duett entfalten die beiden Tänzer ihre gemeinsame, sich humorvoll ergänzende Bewegungssprache. Im zweiten Teil des Tanzes ändert sich die Musik in Richtung Jazz/Blues und es wird ein hervorragendes Duett auf die Bühne gezaubert, welches mit Sonderapplaus bedacht wird.

Nach einer Pause öffnet sich abermals der Vorhang. Gezeigt wird „I’m afraid to forget your smile“ von Imre & Marne van Opstal, mit Musik diverser Künstler, sowie dem Konzertchor Niederösterreich. Es gibt ein Bühnenbild mit zwei länglichen Bänken, auf der 16 Mitglieder eines Chors sitzen. Am Boden, ausgestreckt wie Tote, liegen zuerst reglos sechs Tänzer:innen. Die vermeintlich Toten, beginnen plötzlich hart und rhythmisch mit ihren Schenkeln auf den Boden zu schlagen. Sie werden lauter und lauter, drehen sich, wandern nach vor, im Kreis und zurück. Assoziationen zu einer Vesper im Kloster tauchen auf. Tod und Leben gehören zueinander. Die sakrale Musik und die Tänzer mit ihren Soli, Duetten, ihren Skulpturen erweitern die Musik in genialer Weise bis zu einer Grabszene. Dann endet die „Vesper“, das Licht geht aus und das Publikum applaudiert.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Ensemble des Hessischen Staatsballetts in diesen drei Choreografien wie ein guter Wein gereift und in voller Entfaltung ist.

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