„Mirage“ – die Grenzen der Realität
Damien Jalet und Kohei Nawa zeigten am Festspielhaus St. Pölten einen sensiblen Abend voll von Illusionen und HoffnungenMit dem Stück Mirage findet die mehrjährige Zusammenarbeit des belgisch-französischen Choreografen Damien Jalet mit dem japanischen bildenden Künstler Kohei Nawa ihre Fortsetzung. Das Ensemble des Ballet du Grand Théâtre de Genève transformiert dabei die Visionen der Kunstschaffenden in einen emotionalen, poetischen Abend.
Eine dunkle, hohe Konstruktion, die an eine monumentale Welle erinnert, dominiert die Bühne des Festspielhauses. Die sechzehn Tänzer:innen schreiten einzeln über dieses Element und formen die ersten Szenen: eine faszinierende Mischung aus roboterähnlicher Mechanik und der menschlichen Suche nach dem eigenen Platz auf der Bühne. Langsam und stetig entwickelt sich ein gemeinschaftlicher Ablauf, der in einem Bodenkreis mit fließenden Körperbewegungen aller Darsteller:innen mündet – anmutig wie eine Seeanemone in der Meeresströmung. Das Lichtdesign fokussiert präzise auf Individuen oder Kollektive, wodurch ein ständiger Kontrast zwischen dem düsteren Bühnenbild und den farbig illuminierten Körpern entsteht. Die anhaltenden Beats von Thomas Bangalter verstärken den Eindruck von Poesie und roher Emotion.
Wie der Name „Mirage“ andeutet, ist das Stück von optischen Phänomenen und der Fata Morgana inspiriert. Unweigerlich stellen sich existenzielle Fragen: Wonach suchen die Darsteller:innen? Welche Identitäten nehmen sie an? Befinden wir uns in einem Zustand permanenter Transformation? Während Nebel über die Dünen zieht, verschwinden die Menschen, werden eingefangen und vom diffusen Licht wieder freigegeben. In einer späteren Szene finden sich die Tänzer:innen in einem glitzernden Strahlenregen wieder, der unaufhörlich auf die sich windenden Körper niedergeht. Es ist ein mystisches, inspirierendes Schauspiel, ergänzt durch die im Dunst fluoreszierenden Gestalten.
Die Schlussszene verdichtet diese Bildsprache: Wellenförmige Bewegungen der Gliedmaßen bilden eine beeindruckende Körpersprache, die an eine Raupe erinnert, die sich mühsam über eine Erhebung schiebt. Was bleibt von diesem Abend? Eine produktive Nachdenklichkeit und offene Fragen zu unserer Lebensweise sowie unserer Beziehung zur Welt: sinnlich, zeitgemäß und tiefgründig.