Tanzkritik

Mobmentalität statt Frühlingsgefühlen

Der gefragte spanische Choreograf Marcos Morau taucht das Liebesdrama „Romeo + Julia” mit dem Opera Ballet Vlaanderen im Festspielhaus St. Pölten in gotische Düsternis.

Haben Sie sich je gefragt haben, warum die Liebesgeschichte zwischen Romeo und Julia, diesen zwei ineinander verschossenen Teenagern, im Shakespeare-Drama so schnell eskaliert? Nun, zum einen ist da das Gefühl der Limerenz – ein Begriff, den die Psychologin Dorothy Tennov erfand. Er beschreibt den ersten Zustand obsessiver Verliebtheit, in dem man eigentlich nicht zurechnungsfähig ist. Dieser Aspekt ist Marcos Morau vollkommen schnurz: Er greift in seiner Adaptation des Balletts den zweiten Eskalationsfaktor auf: Die ewig schwelende Feindschaft der Häuser Capulet und Montague, deren Angehörige einander vehement an die Gurgel wollen: „Where civil blood makes civil hands unclean”, wie schon der Barde im Prolog schrieb.

Denkt doch bitte mal jemand an die Kinder!

Unschuldig sind in Moraus mittelalterlich-dystopischer Vision nur zwei Kinder, die die Gewaltausbrüche der Erwachsenen mit großen Augen verfolgen. Sonst sind die Rollen kaum klar definiert. Die 33 Tänzerinnen und Tänzer fügen sich indessen immer wieder zu einer ferngesteuerten Masse zusammen, deren Aggressionslevel dem von hungrigen Straßenhunden entspricht. In diesen szenischen Tableaus überzeugt Moraus typischer Stil auf voller Linie: Das Ensemble agiert wie ein einziger Organismus, mit einer Bewegungssprache zwischen fluider Körperbeherrschung und Krampfanfall. Das Geifern erfolgt in exakter Geometrie, das Gezetere im Zwielicht einer Kulisse, die oft nur brutal von oben mit kühlen LEDs beleuchtet wird. Es scheint, als wäre die Bühnenwelt eine andere, dunkle Dimension, in der unsere Welt um ein paar Grad verrückt wurde. Hysterisches Lachen begleitet jegliche zwischenmenschliche Annäherung, Gefühlsregungen sanktioniert der Mob erbarmungslos.

Kunst, Kathedralen und Kuriositäten

Inspiration findet Morau scheinbar in Kunst und Malerei: Das Bühnenbild dominiert eine gotische Kathedrale in Käfigform mit Spitzbogenfenstern. In den tiefschwarzen Kostümen spiegeln sich die Puffärmel, Reifröcke und Wämser des spanischen Hofzeremoniells. Einige Figuren – Ritter mit buckligen Rüstungen, fassähnliche Männchen mit Kleidern, die von kurzen, breiten Hosenträgern gehalten werden – scheinen aus einem der Horror-Wimmelbilder von Hieronymus Bosch gepurzelt zu sein. Sergej Prokofjews ikonische Ballettmusik zu „Romeo und Julia”, zwischenzeitlich durch Fernsehwerbung für Parfums und Casinos doch schon etwas abgegriffen, gewinnt durch die Tonkünstler unter Gavin Sutherland unheimliche Schärfe.

Marcos Morau gibt mit „Romeo + Julia” einen pessimistischen Kommentar zum Weltgeschehen ab, zu Krieg, Konflikt und der Mobmentalität, wie wir sie auch bei Grabenkämpfen im Internet finden. Zusammenrottung lässt keinen Raum für Individualität: Wenn alle den Gürtel enger schnallen müssen, dann kann man sich Ressourcen für etwas so Banales wie die erste Liebe abschminken. Tänzerisch überragend vom Opera Ballet Vlaanderen verkörpert, findet Morau weder inhaltlich noch choreografisch einen Ausweg aus der Misere. Die Fratze des Krieges bleibt eingefroren, von der Zeit unberührt.

  • Da JavaScript dekativiert ist, werden einige Inhalte nicht geladen.
  • Da dein Browser nicht supportet wird, werden einige Inhalte nicht geladen.
  • Auf Grund von zu geringer Bandbreite werden einige Inhalte nicht geladen.
  • Auf Grund von zu schwacher Hardware werden einige Inhalte nicht geladen.