Neue Interpretation oder choreografischer Fehlgebrauch?
Shakespeares Romeo und Julia wird in der Choreografie von Marcos Morau für das Opera Ballet Vlaanderen zum politischen Statement gegen Kriege.Der spanische Choreograf Marcos Morau stellt in einer der berühmtesten, tragischen und schönsten Liebesgeschichten des letzten Jahrhunderts, Shakespeares Romeo und Julia, den Hass in den Mittelpunkt, der letztendlich zur Zerstörung führt. Morau hat in seiner Interpretation fast alle Inhalte von Shakespeares Romeo und Julia bewusst ausgeblendet, mit Ausnahme des Hasses. Die Kraft der Liebe, der Vergebung und der Hoffnung, die das gesamte Werk und insbesondere die Schlussszene prägen, fehlen. Ist das dann noch Romeo und Julia, fragt man sich?
Die Choreografie ist faszinierend, verstörend, innovativ, manchmal schön und einzigartig. Sie besteht hauptsächlich aus skurrilen, ruckartigen, dislozierten und unberechenbaren Kopfbewegungen der Tänzer, die denen eines Leidtragenden des Tourette-Syndroms ähneln. Die Bühne ist dunkel, die Beleuchtung gedämpft und die Kostüme der Capulets und Montagues schwarz und für alle Tanzenden identisch. Für die Zuschauer ist es nahezu unmöglich, die Figuren auseinanderzuhalten – es sei denn, sie kennen Shakespeares Stück sehr gut. Ansonsten bleibt das Publikum auf sich allein gestellt, um sich den Inhalt der Geschichte zu erschließen.
Die wunderbare Musik von Prokofjews Romeo und Julia, hervorragend gespielt vom Niederösterreichischen Tonkünstler Orchester, unterstützt die choreografierten Bewegungen… oft. Dennoch wirkt beispielsweise Prokofjews wunderbare Musik für eine Ballszene während eines dominosteinartigen Tanzes auf der Bühne wie verschwendet, ungeachtet dessen, dass diese Szene von Morau sehr geschickt choreografiert worden war. Darüber hinaus fehlen die berühmte Balkonszene und die Schlafzimmerszene in Moraus Interpretation fast vollständig.
Die Kenntnis von Prokofjews Partitur half dabei, das Bühnengeschehen und die Rolle der Tänzer:innen in der Geschichte einzuschätzen. Man konnte nicht umhin, das Bühnengeschehen mit Shakespeares Romeo und Julia zu vergleichen.
Moraus herausragendes choreografisches Können verdient ein eigenes Libretto und eine eigene Musik. Das Ballett ist nicht nur für die heutige Weltlage relevant, sondern hatte, wie auch Prokofjews Musik, eine große Wirkung auf das Publikum.
Dennoch handelt es sich um zwei getrennte Einheiten, die jeweils für sich genommen wertvoll sind und die es beide verdienen, gesehen und gehört zu werden, aber getrennt voneinander.