Von Menschen und Mistkäfern
„Mirage“ im St. Pöltner Festspielhaus ist ein sehenswertes, bildgewaltiges Stück. Aber eine Tanz-Performance? Nur unter anderem. Und das ist ein kleines Problem.Es ist dummerweise in unserer Welt so, dass alles und jedes in eine Schublade passen muss. Zauberflöte? Ein Singspiel. Picasso? Kubismus, natürlich. Heinrich Steinfest? Krimiautor.
Mirage? Tanz, ganz klar. Schließlich ist es von Damien Jalet, und der ist Choreograf. Und dargeboten wird es vom Ballet du Grand Théâtre de Genève, einer Ballett-Compagnie.
Aber Mirage ist eben nicht nur von Damien Jalet. Es ist auch von Kohei Nawa, seinem kongenialen Künstlerpartner aus Japan. Und vom französischen Komponisten Thomas Bangalter (die eine Hälfte von Daft Punk, erinnern Sie sich?), der es schafft, eine Stunde Musik ohne eine einzige Melodie zu komponieren.
Wer das Stück gesehen hat und sich zurückerinnert, wird oft an Szenen denken, die nicht ursächlich mit Tanz und Choreografie zu tun haben: Die beeindruckenden Nebelschwaden, die ein Eigenleben zu führen scheinen. Die Lichtführung, die mal Sonne, mal Blitze aus dem Stroboskop imaginiert. Kiloweise Glitzer, der von der Bühnendecke fallend die Tänzer:innen in farbige, schillernde Amphibienwesen verwandelt. Und natürlich die bühnenfüllende schiefe Ebene, die mal Sanddüne, mal Welle, aber immer eine Aufhebung der Perspektiven ist (und die in ähnlicher Form mittlerweile Damien Jalets „Signature-Setting“ wurde). Mirage ist also mehr als nur Tanz, und das ist Fluch und Segen zugleich.
Doch eins nach dem anderen. Gibt es eine Geschichte? Vielleicht diese: Es ist die umgedrehte Evolution vom heutigen Menschen zurück zu einem DNA-Strang, der in der Ursuppe schwimmt. Oder eher diese? Es ist die Erzählung, dass unsere Welt mehr und mehr entmenschlicht wird und künstliche amphibische Wesen die Oberhand gewinnen. Oder ist es doch „nur“ ein Rausch an Farben, Bildern, Bewegungen und Klängen, die in jedem von uns eigene Assoziationen wecken?
Die 16 Tänzerinnen und Tänzer der Genfer Compagnie sind jedenfalls in ihrer darstellerischen Qualität über jeden Zweifel erhaben. Sie performen als soziopathische Menschen von heute und als (eventuell) Butoh-Tänzer:innen so nachvollziehbar wie als (hmmm) See-Anemone? Sie werden zu (vielleicht) wirbellosen Glitzer-Aliens. Sie bilden zusammen einen riesigen, schillernden Mistkäfer, einen Tausendfüßler und – naja, der japanische Einfluss ist ja nicht von der Hand zu weisen – vielleicht eins der Langboote aus dem berühmten Holzschnitt „Die große Welle von Kanagawa“, rudernd gegen die unausweichliche Sturzwelle. Da andere hier pumpende Vaginas gesehen haben wollen … Dr. Freud, übernehmen Sie! Aber so ist das mit den Assoziationen, sie wachsen auf einem Boden aus unseren Erfahrungen, Erinnerungen und Erwartungen.
Warum dann Fluch und Segen? Das Problem mit den Schubladen ist folgendes: Wer sich Eintrittskarten für ein Tanzstück gekauft hatte, mag von der Performance enttäuscht worden sein. Dafür hätte dieses Stück viele begeistern können, die mit zeitgenössischem Tanz nichts am Hut haben – oder dies zu haben glauben.
Und so ergriff ein kleiner Teil des Publikums die sofortige Flucht, kaum dass sich der Vorhang senkte, während der Rest die Tänzer:innen und den anwesenden Damien Jalet lauthals bejubelte.
Gibt es eine Lösung für dieses Problem? Da die Schubladen in den Programmheften und in unseren Köpfen bleiben werden, hilft nur eins: Dinge ausprobieren, die außerhalb des eigenen Tellerrands liegen. Man wird immer wieder überrascht, manchmal auch angenehm. Mirage hat jedenfalls das Zeug dazu.