Tanzkritik

Weder Nachtigall noch Lerche

Marcos Morau inszeniert und choreografiert ein Stück auf Sergej Prokofjews Musik „Romeo und Julia“ ohne Bett, Balkon und Balzrituale. Ein Etikettenschwindel, und wenn ja: ein guter?
Szenen aus ‚Romeo + Julia‘ von Marcos Morau mit dem Opera Ballet Vlaanderen, das einen schwarz gekleideten Tänzer zeigt, der - vor einem weißen Vorhang stehend - ein silbernes Schwert von sich gestreckt hat

Romeo und Julia? Das ist doch, wo zwei junge Menschen inmitten von Dystopie eine Utopie wagen und scheitern. Soweit Shakespeare, wie wir ihn kennen, und wie es Sergej Prokofjew vor bald 100 Jahren als Ballettmusik vertont hat. Morau verzichtet auf die romantische Hälfte der Geschichte und konzentriert sich auf den Kampf. Den Hass. Die Reibung. Die Unversöhnlichkeit. 

Und das macht er ganz ausnehmend gut. Zwar lässt sich ein Handlungsverlauf schwer bis gar nicht erkennen, aber die einzelnen Tableaus, vorgegeben von Prokofjews Szenen, sind, wie man so schön sagt, atemberaubend. 

Das beginnt mit den 33 Tänzer:innen des Opera Ballet Vlaanderen (die maßgeblich an der Choreografie mitgearbeitet haben). Ihre Bewegungsqualitäten einzeln und – viel häufiger – in großen, amorphen Gruppen sind wirklich großartig. Sie beanspruchen Teile ihres Körpers in einer Extremität, dass man nur hoffen kann, dass ein paar fähige Chiropraktiker den Tourtross begleiten. Manchmal erinnern ihre Bewegungen an Marionetten (ein Motiv, das bei Morau öfter auftaucht), allerdings mit einem Marionettenspieler auf Drogen.

Aber auch Licht und Bühnenbild – Vorhänge, Sitzgruppen, gotische Fassaden, alle kreisförmig angeordnet und ständig wechselnd – erzeugen eine Stimmung, der man sich nicht entziehen kann. Die Kostüme – ein ganzer Lastwagen voll – sind alle in schwarz und oft androgyn, zum Beispiel weit ausgestellte Röcke für alle Geschlechter. Auch Anklänge an alte Söldnerkleidung und an höfische Uniformen finden sich, und sogar ein Schlachtross schnaubt und wiehert sehr authentisch ein paarmal im Kreis.

Die Musik übrigens kommt nicht von der Festplatte, sondern vom Niederösterreichischen Tonkünstlerorchester, das Prokofjews Musik tadellos und mit Verve rüberbringt. Dazu trägt bestimmt auch der Dirigent Gavin Sutherland mit seiner über 30jährigen Erfahrung in Sachen Ballettmusik bei.

Und wo bleiben Romeo und Julia? Sie werden konsequenterweise von zwei Kindern dargestellt, die am grausamen Spiel der Erwachsenen nicht teilnehmen und nur hin und wieder wie ein moralischer Zeigefinger auftauchen. 

Also alles gut mit Romeo und Julia 2.0? Ja doch, ein beeindruckender Abend. Nur hin und wieder macht sich die Kluft zwischen der originalen Story und Moraus Interpretation bemerkbar. Prokofjew hat ja nicht nur harte Kampfmusik – am bekanntesten bestimmt der Tanz der Ritter – geschrieben, sondern auch romantische Szenen. Auch zu dieser Musik muss natürlich gekämpft werden. Die Bewegungen werden zwar etwas weicher, aber am Ende geht es doch um Kampf und Unterwerfung. Hier stößt das Konzept, nur die Dystopie des Stücks zu inszenieren, auf Widerstände. Aber das ist Mäkeln auf hohem Niveau und ändert nichts daran, dass Marcos Morau zusammen mit seinem Team ein nachhaltig wirkender Abend gelungen ist. 

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