Tanzkritik

Buy one, get two free: Sind drei Stücke an einem Abend zu viel?

Drei Stücke an einem Abend – von drei Choreograf:innen, mit unterschiedlichen Licht-, Kostüm- und Bühnenbild-Settings. Was war da nochmal der gemeinsame Nenner?
von Marcus Jablonski, 07 OKT 2026
Performancefoto der Choreografie "Frontier" von Crystal Pite. Zu sehen ist ein:e Tänzer:in des Ballet BC weißgekleidet in einer dynamischen Tanzbewegung vor schwarzem Bühnenhintergrund.

Nehmen wir es gleich vorweg: Gemeinsam ist allen drei Stücken die extrem hohe Qualität der Tänzer:innen von der Ballet BC Company aus Vancouver / Kanada. Ihre Fähigkeit zu hochwertiger individueller Performance einerseits und ihre Bereitschaft, sich einem gemeinsamen tanzenden Körper unterzuordnen, andererseits ist wirklich sehenswert, was auch das St. Pöltener Publikum im fast ausverkauften Festspielhaus heftig akklamierte. Im dritten Stück, in dem die 16 Artist:innen der Company für die sehr personenintensive Choreografie zu wenige sind, werden sie vom Nachwuchs der Company und von externen Tänzer:innen der Arts Umbrella, ebenfalls aus Vancouver, unterstützt. Das funktioniert so perfekt, dass für die Betrachter:innen keine Unterschiede feststellbar sind. Und: Alle Performer:innen scheinen eine solide klassische Ballett-Ausbildung genossen zu haben. Darum wissen sie auch, wie man die traditionellen Ballett-Regeln biegt und bricht, um neue, zeitgenössische (und zeitgemäße) Moves zu kreieren.

Das erste Stück heißt SWAY und stammt von Medhi Walerski, dem Leiter der Company. SWAY heißt „schwanken“ – entweder selbst oder andere. Und genau das passiert etwa eine halbe Stunde lang. Sieben Tänzer:innen suchen und finden untereinander Halt, verlieren ihn und stoßen einander ab. Das Bühnenbild ist ein übergroßes schwarzes Zelt; die Lichteffekte wechseln oft, mal aus der Gasse, mal extrem von unten. Der Auftritt ist androgyn: die gleichen langen schwarzen Hosen, der gleiche „nackte“ Oberkörper und – vor allem – die gleiche Choreografie für Frauen wie für Männer. Doch im abschließenden Pas de deux finden zwei Protagonist:innen wieder in ihre Geschlechterrollen mit allen Höhen und Tiefen. Happy End? Vielleicht, denn die Geschichte, die Walerski erzählen will, heißt „Hoffnung“, und die stirbt bekanntlich zuletzt.

Obsidian, das zweite Stück des Abends, ist eine Auftragsarbeit des Choreografen-Duos Bobbi Jene Smith und Or Schraiber für eben diese Company. Wir sehen drei Tänzerinnen, drei Tänzer und eine Pianistin mit ihrem Flügel auf einer weißen Bühne. Tatsächlich bilden Musik – 100 Jahre alte Stücke von Gurdjieff und de Hartmann – und Choreografie einen erlebbaren Dialog von Gehörtem und Gesehenem live on stage. Es gibt ein herrliches Pas de Deux von zwei Männern und mehrere schöne Soli. Also Happy End? Naja, alle überleben, und das ist ja heutzutage schon ein Grund zum Feiern.

Nun zum dritten Stück namens Frontier von der kanadischen Grand Dame der Choreografie, Crystal Pite. Ihr Stück stammt bereits von 2008 und wurde erst vor zwei Jahren für das Ballet BC adaptiert. Pites Prinzip ist einfach: Nimm ein großes Thema und stelle es personifiziert auf die Bühne. Ihr großes Thema (und das von vielen anderen Menschen) sind die Zweifel, die uns tagtäglich quälen. Pites Zweifel sind – wortwörtlich – von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet und tragen schwarze Masken, sodass nur noch ihre Silhouetten etwas Menschliches verraten. Bis zu 24 von ihnen wird man am Schluss zählen. Schon wie sie die Bühne betreten … nein, erklettern, nämlich aus dem dunklen Zuschauerraum, als hätten sie sich aus dem Publikum herausgelöst: Diese inneren Dämonen sind nicht zu bändigen. Sie tauchen auf, wo und wann sie wollen. Sie spielen mit den Menschen. Sie lenken, bremsen und stürzen sie nach Belieben. Sie sind zahlreich, sie sind emotionslos und sie sind unermüdlich. Doch wie die Menschen so sind, kämpfen sie gegen die Zweifel an. Also Happy End? Definitiv nein. Im Schlussbild klettern die Zweifel wieder von der Bühne, und wer bleibt zurück? Ein Zweifel. 

Ist der Abend also zumindest für die Zuschauer:innen ein Happy End? Natürlich, die drei Performances sind großartig. Aber schon am nächsten Morgen finden sich für SWAY und für Obsidian kaum mehr Bilder im Kopf. Frontier tut sich da leichter, aber Crystal Pite weiß ja auch, wie man Tanz zu Bildern und Bilder zu Geschichten entwickelt. Wer vor zwei Jahren ihre Assembly Hall im Festspielhaus gesehen hat, wird immer noch Szenen davon auf der virtuellen Netzhaut haben. Aber es steht auch zu vermuten, dass dieses Stück nicht zufällig an den Schluss dieses Dreier-Abends gesetzt wurde.

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