Tanzkritik

Im Wachschlaf

„Sich zu bewegen, zu denken, zu fühlen, Empfindungen zu haben – all das sind Funktionen; sie können völlig unabhängig davon ablaufen, ob wir uns ihrer bewusst sind oder nicht.“ P. D. Ouspensky, “Der vierte Weg”
von Anastasia Moiseeva, 07 OKT 2026
Szenenfoto von "Obsidian", einer Choreografie von Bobbi Jene Smith und Or Schraiber. Zu sehen sind Tänzer:innen des Ballet BC, drei von ihnen im Bildvordergrund, die gleichzeitig hochspringen, im Hintergrund steht eine Tänzerin im schwarzen Kleid vor dem grauen Bühnenhintergrund.

Bewegen, denken, fühlen, empfinden: Vier Funktionen des Menschen, die, folgt man dem Philosophen P. D. Ouspensky und seinem Lehrer George Gurdjieff, keineswegs unser Bewusstsein benötigen. Wie ein roter Faden zieht sich dieser Gedanke durch den Triple Bill des kanadischen Ballet BC im Festspielhaus St. Pölten.

Medhi Walerskis SWAY eröffnet den Abend mit einer Choreografie, in der Bewegung selbst zur Sprache wird. Zu Adrien Cronets Komposition und Bachs Nun komm, der Heiden Heiland fließen Bewegungen von einem Körper zum nächsten, werden aufgenommen, verändert und weitergegeben. Aus dem in schwarze Hosen und beige Shirts gekleideten Ensemble lösen sich einzelne Tänzer:innen, finden sich zu Duetten zusammen und kehren wieder in die Gruppe zurück. So entsteht ein kollektiver Körper, in dem ein Impuls den nächsten hervorruft und kaum noch auszumachen ist, wo eine Bewegung beginnt und wem sie eigentlich gehört. Wie Quecksilber gleiten die Tänzer:innen über die Bühne und finden sich immer wieder in neuen Formationen zusammen. Wer bewegt hier wen?

In Obsidian von Bobbi Jene Smith und Or Schraiber wird diese Frage körperlicher. Zur live von Perri Lo gespielten Musik George Gurdjieffs und Thomas de Hartmanns treffen stille, beinahe sakrale Klavierminiaturen auf explosive, mitunter sexuell aufgeladene Körper. Zwischen den Tänzer:innen entstehen Nähe und Distanz, Hingabe und Widerstand; Impulse springen von Mensch zu Mensch, Bewegungen scheinen sich aneinander abzuschleifen. Immer wieder brechen sie mit großer Wucht aus den Körpern hervor, um kurz darauf in tastende Ruhe zurückzufallen, wie das im Titel aufgerufene vulkanische Glas, das aus extremer Hitze entsteht und plötzlich erstarrt.

Crystal Pites Frontier führt den Gedanken schließlich ins Unheimliche. Zu Owen Belton und den sphärischen Chorwerken Lux Aurumque und Sleep von Eric Whitacre bevölkern gesichtslose schwarze Gestalten die dunkle Bühne. Sie folgen den Tänzer:innen, lenken und stören sie, tragen ihre Körper. Tom Vissers Licht entreißt einzelne Figuren der Dunkelheit und lässt sie wieder darin verschwinden. Das Unsichtbare bekommt einen Körper.

Gurdjieff beschrieb den Menschen im gewöhnlichen Bewusstseinszustand als Maschine unter äußeren Einflüssen: Alles „geschieht“, niemand „tut“. Genau so lässt sich dieser Abend lesen. SWAY zeigt das Weiterwandern des Impulses, Obsidian Begehren und Emotion als Kräftefeld, Frontier schließlich die unsichtbaren Mächte selbst. Ballet BC führt durch verschiedene Zustände dieses Wachschlafs: elegant, körperlich virtuos und zunehmend unheimlich. Nur eines bleibt aus: das Erwachen. Um zu „tun“, müsste der Mensch erst „sein“. Bis dahin bewegen sich die Schatten weiter: am Ende von Frontier sogar über den Bühnenrand hinaus, auf uns zu.

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