Wer zieht hier eigentlich die Fäden?
Vancouver zu Gast in St. Pölten: Ballet BC bringt drei Choreografien mit und lässt die Farben daheim. Schwarz, Weiß – und dazwischen mehr Nuancen, als mancher bunte Abend zusammenbringt.Medhi Walerskis SWAY hofft kunstvoll vor sich hin, Bobbi Jene Smith und Or Schraiber lassen in OBSIDIAN Zärtlichkeit und Härte aufeinander los. Dann kommt Crystal Pites FRONTIER und dreht mit seinen Schattenbildern das Kopfkino an.
Nähe, Distanz und dazwischen der Versuch, nicht umzufallen. In Medhi Walerskis SWAY reichen Hände nach Händen, Körper finden einander und verlieren sich wieder. Alles schwankt zur messerscharfen Tonspur von Adrien Cronet. Sie begleitet den Tanz nicht, sie schneidet hinein. Rhythmus wird Impuls, Impuls wird Bewegung, Bewegung springt von einem Körper zum nächsten. Einer zuckt, die anderen wissen schon warum. Walerski choreografiert Kommunikation ohne Worte, aber nicht ohne Hoffnung. Das ist vielschichtig, präzise und hervorragend getanzt. Nur: Es packt einen nicht wirklich. Man sieht, versteht und bewundert. Und wartet darauf, dass dieses sorgfältig austarierte System einmal kippt.
Tut es nicht. SWAY bleibt schön in der Schwebe. Vielleicht ist das Hoffnung. Vielleicht auch einfach ein bisserl fad.
Obsidian von Bobbi Jene Smith und Or Schraiber ist zart und hart zugleich. Wie das vulkanische Glas, das dem Stück den Namen gibt: schön, schwarz, scharfkantig. Hier begegnen Körper einander, aber nicht alle gleich. Frauen begegnen Männern anders, als Männer Männern begegnen. Zwischen Frau und Mann wird Berührung weich, vorsichtig, beinahe intim – und kann im nächsten Moment Widerstand sein. Bei den Männern verändert sich die Temperatur: drücken, halten, messen, schieben. Kraft prüft Kraft. Aber nichts ist eindeutig. Zart ist nicht weiblich, hart nicht männlich. Nähe kann Angriff sein oder Zärtlichkeit. Man lockt den anderen und will gleichzeitig, dass er/sie weggeht. Das übliche zwischenmenschliche Debakel also, nur mit Schweißgeruch. Analog, nicht digital.
Gerade deshalb wirkt Obsidian so unmittelbar. Der Körper sagt, was Tinder verschleiert. Wunderbar!
In Crystal Pites Frontier wird die Welt schwarz-weiß. Menschen in Weiß, Gestalten in Schwarz. Die einen sichtbar, die anderen fast nicht. Und natürlich haben die Unsichtbaren die Macht.
Sie huschen, ziehen, heben, manipulieren. Ein weißer Körper schwebt durch den Raum, ein anderer knickt ein, richtet sich wieder auf – und aus dem Dunkel tauchen Hände auf, die eben noch niemand gesehen hat. Träume, Wünsche, Begierde und Angst bekommen Arme und Beine. Das Unbewusste trägt Schwarz und arbeitet äußerst effizient.
Das könnte nach den ganz großen Fragen des Lebens riechen: nach dunkler Materie!
Menschheit! Universum! Tut es aber nicht. Pite erklärt nichts. Sie zeigt. Ein Schatten wird zur Stütze, der nächste zur Bedrohung. Körper verschwinden im Schwarz und treten wieder hervor, als hätte man sie gerade erst erfunden. Man sitzt da, ist nur noch Auge, mit offenstehendem Mund. Nachdenken kann man später.
Frontier ist mit Abstand das stärkste Stück des Abends. Wer führt hier eigentlich wen? Wer ist Schatten, wer Mensch? Die Grenze verläuft nicht zwischen den schwarzen und den weißen Körpern. Sie verläuft in uns. Manchmal tanzt das Weiße. Und manchmal übernimmt das Schwarze – ohne vorher zu fragen.
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