Tanzkritik

Ein schön betrügerisches Märchen

Was als Paradies erscheint, entpuppt sich als Illusion. „Mirage“ von Damien Jalet fasziniert durch Schönheit und beunruhigt durch seine Künstlichkeit

Die österreichische Premiere von Damien Jalets Choreografie Mirage beginnt wie ein kosmischer Traum: eine orange beleuchtete Düne, auf der sich menschliche Figuren langsam und vorsichtig bewegen. Alles wirkt fragil, tastend. Ein dumpfer Rhythmus, der an einen verlangsamten Herzschlag erinnert, lässt die Bewegungen unwirklich erscheinen. Damien Jalet schickt die Tänzer:innen des Ballet du Grand Théâtre de Genève nicht einfach auf eine Bühne, sondern auf einen fremden Planeten. Die Szenografie von Kohei Nawa verstärkt diesen Eindruck des Außerirdischen und öffnet einen Raum, der mehr Vision als Realität ist.

Die Körper beschleunigen und halten inne, bewegen sich rückwärts, prallen beinahe aufeinander, verlieren sich wieder. Nichts folgt einer linearen Logik, und doch entsteht eine eigentümliche Ordnung, als würde man einem physikalischen Experiment beiwohnen, einem Tanz der Quanten im Spannungsfeld von Chaos und Gesetzmäßigkeit. Diese Bewegungssprache erzeugt eine fragile Harmonie, die zugleich fasziniert und verunsichert.

Mit dem Wechsel des Bühnenbildes kippt das Menschliche endgültig. Auf der in Rot getauchten Bühne formiert sich ein Kreis aus Körpern, der jede Individualität verliert. Die Tänzer:innen erscheinen als fremde Organismen: als merkwürdige Pflanzen, mehrbeinige Insekten, hybride Wesen. Man sieht keine Menschen mehr, sondern reine Bewegungsenergie, vollständig dem Rhythmus unterworfen. Dieser Moment besitzt eine verstörende Schönheit: betörend und zugleich entmenschlichend.

Später ergießen sich gewaltige Wasserströme über die Bühne. Nebel verschluckt die Konturen, Silhouetten tauchen auf und verschwinden wieder. Wellenrauschen, Windheulen, flüssige Körper – alles wirkt wie eine Vision, wie eine Fata Morgana. Glitzernde Wasserfälle stürzen herab, unter deren Kaskaden die menschlich-unmenschlichen Wesen tanzen. Sie verschmelzen, lösen sich voneinander, verlieren jede feste Grenze.

Diese fließenden Bewegungen und die hypnotische Musik von Thomas Bangalter wirken meditativ und zugleich verführerisch. Der zuvor leblose rote Planet verwandelt sich scheinbar in ein Paradies aus Wasser, Nebel und fremden Kreaturen. Doch gerade diese Schönheit wirkt beunruhigend künstlich – wie von einer fremden Intelligenz erschaffen, die eine perfekte Illusion erzeugt, um zu verführen.

Gerade darin liegt die Stärke von Mirage. Die Performance ist atemberaubend schön, aber sie beruhigt nicht. Sie betört das Auge und sät zugleich Zweifel. Was hier als Paradies erscheint, entpuppt sich als Trugbild. Damien Jalets Tanzmärchen verzaubert und warnt zugleich. Man verlässt den Saal tief beeindruckt, emotional berührt und mit einem leisen Unbehagen: als hätte man etwas Wunderschönes gesehen, dem man nicht ganz trauen darf.

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