Eine Stunde der Illusion
„Mirage“ von Damien Jalet und Kohei Nawa versucht, das Publikum in eine kosmische Perspektive auf die vergängliche metaphysische Welt zu entführenMorphismus ist das Leitmotiv der Choreografie Mirage des belgisch-französischen Choreografen Damien Jalet in Zusammenarbeit mit dem japanischen bildenden Künstler Kohei Nawa.
Inmitten einer Wüste, die durch eine hohe, vertikale, diagonale Plattform bis zum Bühnenhintergrund reicht und eine sanfte Welle am Horizont erzeugt, wird das Publikum mit einer fast märchenhaften, mystischen Landschaft empfangen, die nur schwach beleuchtet ist. Zu Beginn erscheinen 16 Darsteller:innen, fast in Zeitlupe, spazierend, nach und nach einzeln auf der Bühne, dann findet langsam und unaufdringlich eine Interaktion zwischen Paaren und kleinen Gruppen statt, die schließlich in einer größeren kreisförmigen Gruppe gipfelt. Hier wird die choreografische Kreativität Jalets deutlich. Seine Tänzer:innen verlieren ihre menschliche Individualität, um ein organisches Etwas zu erschaffen, das als kollektives Bewusstsein ständig seine Form und Gestalt verändert. Unterstützt durch den Wechsel des Musiktempos zu „Staccato“ vollzieht sich ein beinahe aggressiver Wandel in Struktur und Form, der schließlich in einem Kaleidoskop sanfterer, ineinandergreifender Bewegungen mündet, die beispielsweise an das zarte Öffnen und Schließen einer Qualle oder das sanfte Aufblühen und Schließen einer Blume erinnern. Jalet gelingt damit zweifellos eine Abkehr von der in der Eröffnungsszene dargestellten Menschlichkeit. Dies ist jedoch die einzige Gelegenheit, die sowohl den Tänzer:innen als auch dem Publikum geboten wird, die tänzerischen Fähigkeiten der Darsteller zu würdigen. Der Rest des Stücks besteht aus einem Ineinandergreifen der Körper in verschiedenen Szenen, die auf der dunklen Bühne oft kaum zu erkennen sind. Glücklicherweise bot ein am Vormittag angebotener Tanzworkshop tiefere Einblicke in die technischen und künstlerischen Fähigkeiten der Tänzer:innen.
Das Highlight des Stücks ist dem Design und dem Einsatz der Spezialeffekte von Kohei Nawa zu verdanken. Ein wunderbares Beispiel dafür, wie Technologie und ihre Möglichkeiten für Theaterproduktionen genutzt werden können. In einer Szene beispielsweise ergießt sich Rauch wie ein Wasserfall nach vorn und unten über die Darsteller:innen und hüllt sie ein. Als einzelne, in Ton getauchte Paare erheben sie sich daraus und es entsteht eine Art Ausstellung von Statuen, die ständig ihre Form verändern. In einer anderen Szene entsteht die Illusion surrealer, nicht identifizierbarer Strukturen, während sich Paare unter glitzerndem Regen ineinander verschlingen. Jalet führt in dem Stück sogar eine Art goldene Buddha-Figur ein, aus der Blitze zucken. Er beschließt das Stück mit einer riesigen, aus Performern geformten Raupe, die bereit für die nächste Metamorphose ist und sich im dynamischen Herzschlagrhythmus bewegt. Die Elektronische Musik, extra komponiert von Thomas Bangalter, passt hervorragend zum Stück.
Alles in allem ein kontroverses und philosophisches Werk, das sowohl technologisch als auch choreografisch raffiniert gestaltet ist, wobei sich die Frage stellt, ob die Darsteller:innen auch durch Hologramme ersetzt werden könnten.