Tanzkritik

Menschendämmerung in der Illusionsmaschine

Damien Jalet und das Ballet du Grand Théâtre de Genève greifen für „Mirage” im Festspielhaus St. Pölten tief in die Trickkiste und entführen in eine vorzeitliche Welt voller optischer Illusionen.

Die Bühne reckt sich zu einem Hügel, hinter dem die rote Dämmerung wabert. Mit der Präzision einer Ameisenkolonie schreiten die Tänzer:innen des Ballet du Grand Théâtre de Genève nach und nach hervor, formieren sich instinktiv, wie ferngesteuert, in Zeitlupe und Zeitraffer. Dazu erklingen die meditativ-metallischen Elektroklänge von Thomas Bangalter, der die ins Mark gehende, elektronische Musik für Mirage beisteuert. Mirage, das ist die erste Produktion des französischen Choreografen Damien Jalet für das Genfer Ensemble, gleichzeitig seine bereits vierte Kollaboration mit dem japanischen Künstler Kohei Nawa: Er ist der Mastermind hinter der halluzinatorischen Bildgewalt, die eine Stunde lang Richtung Zuschauerraum strahlt. 

Jalet vereint die 16 Tänzer:innen in den Gruppensequenzen zu organischen Formen: Im Kreis angeordnet, nur an den Ellenbogen gegriffen, wird aus ihnen eine Anemone, die sich in den Meeresströmen wiegt. In der Schlusssequenz setzt er sie wieder zusammen, diesmal zu einem schillernden Gliederfüßer im Chitinpanzer. Die irisierende Insektenpracht ist das Resultat einer Glitzerdusche, die sich minutenlang über sich windende Tänzerkörper ergossen hat. Kohei Nawa – und wohl auch Yukiko Yoshimoto, die für das Licht verantwortlich zeichnet – fahren indessen auf der Bühne die große Illusionsmaschine auf: Nebel und Licht schaffen Wüstendünen und Wellenkämme, rieselnden Sternenglimmer und eine nach oben stiebende Feuersäule, die eine prähistorische Schamanin in Buddha-Pose heraufbeschwört.

Choreografisch setzt Jalet auf kantige Präsenz und zarte Interaktion zwischen den Tänzer:innen, für die die abschüssige Bühne und das kaleidoskopartige Spiel von Licht und Schatten mit Sicherheit eine Herausforderung darstellen. Die archaischen Bewegungsqualitäten rufen ebenso Assoziationen mit alttestamentarischer Sinnsuche wie auch mit der Formierung von Zellverbänden hervor. Jalets Tableaus überwältigen visuell, entfalten sich aber mit Längen, wobei: das nur, wenn man in den Dimensionen der Aufmerksamkeitsspanne im digitalen Zeitalter rechnet, nicht mit dem Maß der Evolutionsbiologie. In seinem Kern feiert Mirage aber die Schaulust: Eine Mirage ist eine Fata Morgana, ein optisches Phänomen, das Durstende in der Wüste ins Verderben lockt. Für das Publikum ist das Stück eine willkommene Täuschung, eine Fantasiewelt auf Zeit: oh, Glitzer!

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