Tanzkritik

Nächte im Kollektiv: Ein Double-Bill zwischen Bubble-Gum-Rave und Storyline

Das CCN – BALLET DE LORRAINE zeigt zwei Handschriften an einem Abend: Ayelen Parolins „MALÓN“ und Marco da Silva Ferreiras „A FOLIA“

Der elektronische Puls lässt den Boden sanft vibrieren. Boum. Boum. Ein pastellfarbener Lichtteppich untermalt die vorerst karge Szenerie, ehe vereinzelte Farbkleckse die Bühne beleben. So zeigt sich der erste Eindruck – atmosphärisch stimmig, aber noch unentwirrbar, als ob die Szenerie selbst atmet. Das CCN - Ballet de Lorraine zeigt zwei Choreografien und liefert ein prägnantes Bild: eine Company, zwei Handschriften, ein Abend. 

Was Ayelen Parolin und Marco da Silva Ferreira verbindet, ist der Ursprung ihres Bewegungsmaterials. Der nächtliche Tanz in Raves und Clubs liefert den energetischen Rohstoff, aus dem sie völlig unterschiedliche ästhetische Welten formen. Während die eine den Blick auf die fragile, manchmal noch ungelenke Dynamik eines entstehenden Wir richtet, entfaltet der andere ein vibrierendes Szenario aus Ritual, Überschwang und sozialen Kräften, in dem Körper und Energie miteinander verschmelzen.

Parolins „malón“: Ruckelige Bubble-Gum-Momente zwischen Gruppe und Individuum

Für die argentinische Choreografin Ayelen Parolin ist Malón ein vielschichtiger Begriff. Einst bezeichnete er eine undiszipliniert auftretende Menge, heute steht er auch liebevoll für Freundesgruppen, die unangekündigt zum Feiern erscheinen. Auf der Bühne wird daraus der Versuch, die Vielfalt von 21 Körpern zu einem Organismus werden zu lassen, ohne die Individualität der Einzelnen darin aufzulösen.

So lotst eine Lehrerfigur ein kleines, noch unsicher wirkendes Grüppchen in die Formation – wie frisch eingeschulte Elev:innen – bevor sie in der Menge aufgehen. Das Vokabular ist experimentell, ungeschliffen. Parolin baut dabei auf das Prinzip der Collage: Alltagsgesten treffen auf Folklore, verschmelzen mit Elementen des Modern Dance. Erst gegen Ende entsteht Synchronizität.

Erinnerungen an die Figuren Keith Harings blitzen da und dort auf – Körper, die stets in Bewegung sind „Es gefällt euch doch, oder?“ fragen die Performer:innen ins Publikum. Selbst wenn zwischendurch gesummt wird, Momente kindlicher Leichtigkeit entstehen oder Madonna-Zitate eingestreut werden — „Strike the Pose“ — bewahrt das Stück stets seine ironische Leichtigkeit.

Die Kostüme unterstreichen diesen spielerischen, unangepassten Charakter: bunt, klecksübersät, fancy und teils in bewusst niedlicher Silhouette gehalten – Tänzer:innen in gerüschten Oberteilen, weiten Shorts  und schwingenden Kleidern. Der changierende Hintergrund fungiert als Stimmungsbarometer.

Ferreiras Feuerkreis oder Tänze am Lagerfeuer

Ganz anders der zweite Teil des Abends des Portugiesen Marco da Silva Ferreira, ausgebildeter Tänzer und Physiotherapeut. Seine choreografische Arbeit verrät ein tiefes Bewusstsein für Körpermechanik und kollektive Energie. Er greift auf einen portugiesischen Hirtentanz des 16. Jahrhunderts zurück und verwebt ihn mit Elementen urbaner Straßenkultur. Menschen in schwarz und grau treten auf der puristischen Bühne zusammen, um zu feiern – in einem vibrierenden sozialen Organismus voller Reibung und Gemeinschaft. Hier erinnern Bewegungen an Straßengangs, die sich um ein imaginäres Feuer versammeln. Arme, die Blasebälge formen, Flammen künstlich anfachen, Würfel werfen, Spieler:innen anfeuern  – um welchen Preis, bleibt bewusst offen. Gruppendynamik ist das zentrale Thema, das inhärente Gravitationsfeld: Rangeleien, Sinnlichkeit oder Kämpfe, die von der Gruppe kommentiert werden. Der Beste von allen wird angebetet – und zwischen Menuett-Elementen pulsiert es in rhythmischen Ausbrüchen kreischend und stampfend.

Die Musik beginnt wie bröckelndes Eis, bevor sie in ein Wechselspiel aus Barock und Elektronik übergeht – eine mögliche Brücke zwischen Zeiten und Kulturen?

Resümee: Desorientierung trifft auf Erzählkraft

Letztlich überzeugt der zweite Teil des Abends stärker. Ferreira bietet dem Publikum eine Geschichte, einen Rahmen, eine innere Logik. Seine Choreografie lässt das Zuschauer:innenauge nicht umherschweifen, sondern führt es – kraftvoll, präzise, sinnlich – durch ein soziales Tableau, dessen Energie bis zum Schluss trägt. Am Ende bleibt doch ein prägnantes Bild: eine Company, zwei Handschriften, ein Abend. 

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