Tanzkritik

„Romeo +Julia“ als beschädigte Musikschatulle

Marcos Morau verwandelt Romeo und Julia in eine düstere, mechanisch wirkende Bühnenwelt. Visuell faszinierend, lässt diese Geschichte jedoch emotional auf Distanz gehen.

Aus der Dunkelheit heraus betritt eine Gruppe schwarz gekleideter Figuren die Bühne und schiebt den Vorhang zur Seite. Wie in Pieter Bruegels Gemälde „Der Blindensturz“ wirkt dieser Auftakt wie eine Warnung: Diese Geschichte wird kein Happy End finden. Choreograf Marcos Morau entwirft eine düstere, beinahe albtraumhafte Welt, die mit der vertrauten Liebestragödie von Romeo und Julia nur noch lose verbunden scheint.

Die Kostüme von Silvia Delagneau zitieren einerseits die opulente Mode der Barockzeit: prachtvolle Samtgewänder, teilweise mit Ritterrüstungen kombiniert. Gleichzeitig wirken sie aber futuristisch. Jede Farbe scheint aus dieser Welt verbannt: zurück bleibt ein tiefes, hoffnungsloses Schwarz, das die Tänzer:innen zu einem einzigen, kaum unterscheidbaren Körper verschmelzen lässt. Die Tänzer:innen des Opera Ballet Vlaanderen erscheinen dadurch wie Figuren in einem fremdgesteuerten Spiel. Ihre Bewegungen wirken fragmentiert, zerrissen und bewusst unorganisch, als würden unsichtbare Kräfte ihre Körper steuern. 

Der Tanz bewegt sich dabei oft an der Grenze zwischen choreografierter Bewegung und körperlichem Kampf. Mechanische Geräusche durchbrechen immer wieder die schöne Musik von Sergej Prokofjev, die vom Tonkünstler-Orchester Niederösterreich gespielt wird, und verstärken den Eindruck einer kalten, fast maschinenhaften Welt. Das Bühnenbild reduziert sich auf einen schwarz-weißen Raum mit einem zentralen Drehkreis, auf dem sich ein Großteil des Geschehens abspielt. Dieser Kreis verstärkt das Gefühl einer geschlossenen, ausweglosen Ordnung: wie ein Mechanismus, der sich unaufhaltsam weiterdreht.

Morau versteht seine Version von Romeo + Julia weniger als Liebesgeschichte denn als Vision einer Welt, in der Gewalt und zerstörerische Systeme jede Möglichkeit von Nähe ersticken. Doch gerade diese konsequent düstere Perspektive erschwert den Zugang. Figuren bleiben schemenhaft, Beziehungen unklar, emotionale Anknüpfungspunkte rar.

Trotz der beeindruckenden Präzision und körperlichen Intensität der Tänzer:innen bleibt der Abend emotional auf Distanz. Die Bilder sind kraftvoll und die ästhetische Welt konsequent gestaltet, doch die Handlung selbst bleibt seltsam fremd. Was bei Prokofjews Musik eigentlich eine tragische Liebesgeschichte voller Spannung und Gefühl erwarten lässt, wirkt hier eher wie eine beschädigte Musikschatulle: Der vertraute Klang ist noch erkennbar, doch der Mechanismus scheint aus dem Takt geraten. So entsteht weniger eine berührende Tragödie als ein kühl komponiertes Szenario, das man mit Interesse betrachtet, ohne sich wirklich davon berühren zu lassen.

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