Was vom Tanze übrig blieb.

Zwei Stücke des CCN Ballet de Lorraine aus Nancy waren im St. Pöltner Festspielhaus zu sehen. Obwohl beide ohne Fehl und Tadel waren, bleibt wenig Nachhall zurück. Was hat gefehlt?
Von Marcus Jablonski

Woran nur erinnern diese beiden Tanzstücke? Balztänze von Kranichen? Voguing der 70er in der niederösterreichischen Provinz? Ach nein, das Programmheft (unser Retter in jeder Interpretationsnot) klärt auf: In Malón von der argentinischen Choreografin Ayelen Parolin geht es um das spontane Abfeiern von Gästen, die man nicht eingeladen hatte. Im – choreografisch etwas komplexeren und reicheren – Stück a Folia des portugiesischen Choreografen Marco da Silva Ferreira geht es um die vielen Bedeutungsmöglichkeiten des Begriffs: einmal um ein Volkslied aus dem 16. Jahrhundert, dann um fole, den Blasebalg und schließlich um foliao und foliona, also feiernde Personen, die tief durchatmen und den Alltag hinter sich lassen.

Ja, das kann man so sehen. Die 24 Tänzerinnen und Tänzer des CCN Ballet de Lorraine aus Nancy haben sich in Frack und Fummel geworfen und shaken sich zur, naja, Musik ab. Trifft es Soundteppich besser? Ja, tut es: Melodien sind in der Minderheit, elektronische Beats treiben die Tänzer:innen voran, und speziell im zweiten Stück klingt die Musik danach, wo es herkommt: Nach Konserve. Bühnenbild gibt es nicht; im ersten Stück sind Dancefloor und Hintergrund weiß, im zweiten schwarz. Die Kostüme erinnern an die wilden Zeiten New Yorker Clubs wie Studio 54: Androgyn, knapp und poppig.

Überhaupt haben beide Stücke viele Gemeinsamkeiten: Natürlich performen dieselben Darsteller:innen, aber auch Bühnenbild, Kostüme und Sound sind ähnlich, ebenso das Bewegungsrepertoire, das Posen Einzelner und die Dynamik der Gruppe. Mit jeweils etwa 40 Minuten sind sie auch gleich lang. 

Das Briefing von Ayelen Parolin an einen Teil des Ensembles scheint gewesen zu sein: Tanzt, als ob Ihr nicht tanzen könntet. Das setzt eine hohe Meisterschaft voraus, die von der Company lässig umgesetzt wird. Und so ist das eben auf Parties: Manche haben’s im Blut, manche probieren mitzuhalten. Und wenn die Musik abbricht, entstehen peinliche Momente des Schweigens. Das ist schauderhaft gut umgesetzt!

Im Stück von Marcos da Silva Ferreira geht es auch um Posing und Voguing vor der eigenen Community, aber auch – siehe oben die Erklärung – um das Atmen. Das wird von Einzelnen, aber auch vom gesamten Ensemble meisterhaft dargeboten, unterstützt von heftigem Bühnennebel und einer Lichtführung, die mehr verbirgt als enthüllt. Schön mit anzusehen.

Überhaupt sind alle Tänzer und Tänzerinnen der CCN Ballet de Lorraine hoch zu loben. Alle gefühlt unter 25, tanzen sie mit Erfahrung, Akkuratesse und Hingabe. Und doch bleibt der Gesamteindruck seltsam blutleer. Malón und a Folia nehmen uns mit, aber berühren uns nicht. Sie unterhalten uns, aber hallen nicht nach. Woran liegt das?

Beide Stücke verzichten auf eine erkennbare Entwicklung. Natürlich ist zeitgenössischer Tanz kein Handlungstheater, aber ein wenig mehr storytelling würde das Publikum nicht aus seinem Bann entlassen. So ist man am Ende wieder da, wo man angefangen hatte.

Und in beiden Stücken steht die Show im Vordergrund; das nimmt uns Zuschauer:innen aber emotional nicht mit (wozu auch die über weite Strecken Nicht-Musik ihren Teil beiträgt). Und noch schlimmer: Die Show scheint nach innen gerichtet zu sein, nicht zum Publikum. Geposed wird für die eigene Bubble. Natürlich ist das dramaturgisch so beabsichtigt, aber es führt nun mal dazu, dass der Funken auf der Bühne bleibt und nicht zu uns überspringt. 

Hört man sich bei Besuchern und Besucherinnen um, die hier in St. Pölten schon einige Stücke gesehen haben, dann bleiben vor allem die Aufführungen in Erinnerung, die einen Handlungsverlauf und / oder einen starken emotionalen Anker zur Grundlage hatten: Specky Clark von Oona Doherty, Crystal Pites Assembly Hall oder die wunderbare Ennio Morricone-Revue von Marcos Morau, um nur einige zu nennen.

Wer so ein Stück gesehen hat, lässt es in sich nachklingen. Da wird kein Autoradio auf dem Heimweg eingeschaltet, und kein Taschenbuch im Zugabteil gelesen.

Das soll die beiden Arbeiten nicht geringschätzen. Aber es sind dann doch nur feine Häppchen für den Augenblick und kein „Du, ich muss Dir erzählen, was ich gestern gesehen habe …“. 

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