Tanzkritik

Wenn die Masse tanzt und die Liebe verstummt.

Marcos Moraus düstere Gesellschaftsvision in Romeo + Julia.

Der Vorhang bewegt sich. Begleitet von einem dumpfen Bass schiebt ein Kollektiv – leicht gebückt, ganz in Schwarz gekleidet – von der Seite den Vorhang auf und gibt langsam, sehr langsam den Blick auf die Bühne frei. Die erste Szene einer Enthüllung? Im Gegenteil.

Die Neuinterpretation von Marcos Morau zu Romeo and Juliet in Zusammenarbeit mit dem Opera Ballet Vlaanderen und dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich löst sich radikal von der vertrauten Liebestragödie und gibt Rätsel auf. Unter dem Titel der wohlbekannten Shakespeare-Tragödie entsteht eine düster-bedrückende Bildwelt, die weniger die bekannte Handlung erzählt, als vielmehr eine gesellschaftliche Allegorie entwirft.

Morau interessiert sich nicht für das klassische Drama zweier Liebender, sondern für die Mechanismen einer Gesellschaft, in der Gewalt und Gruppendynamik dominieren. Das Ergebnis wirkt wie ein Traum oder eine düstere Vision – ein „Exorzismus der Moderne“, irgendwo zwischen sakralem Ritual, futuristischer Fantasie und makaberem Zombieball.

Marcos Morau – Choreographie als Bildmaschine

Der international erfolgreiche spanische Choreograph Marcos Morau, bekannt für seine bildstarken und oft surrealen Arbeiten, denkt Tanz konsequent als visuelle Komposition. In Romeo + Julia entwickelt er keine lineare Erzählung, sondern eine Abfolge symbolisch aufgeladener Szenen – Bildmaschinen, in denen sich Bewegung, Raum, Musik und Licht zu eindringlichen Tableaus verdichten.

Dabei widerspricht Morau auch einer historischen Einschätzung der Musik Sergej Prokofjews. Dessen Ballettpartitur zu Romeo and Juliet galt manchen Zeitgenossen als schwer tanzbar. Morau beweist das Gegenteil: Seine Choreographie begegnet der dramatischen Energie der Musik mit kraftvollen Gruppenbildern und präziser körperlicher Intensität.

Die Masse als Protagonist

Das Ensemble des Opera Ballet Vlaanderen – 33 Tänzer:innen sowie zwei Kinderdarsteller:innen – agiert weniger als Sammlung individueller Figuren, denn als bewegte Gemeinschaft. Die Akteur:innen bilden wogende Massen, die wie rauschende Vogelschwärme den Bühnenraum durchziehen.

Ruckartige, beinahe bizarre Bewegungen prägen das Geschehen. Begegnungen zwischen Einzelnen bleiben oft flüchtig und tangential: Nähe entsteht kurz, um im nächsten Moment von Aggression oder abrupten Bewegungen wieder zerstört zu werden. Unnatürlich nach hinten verrenkte Oberkörper, die immer wieder im Rhythmus eines imaginären Uhrwerks wippen, verleihen den Tänzer:innen etwas Mechanisches.

Bemerkenswert ist dabei auch die Besetzung der Titelrollen: Romeo und Julia werden von zwei Kindern dargestellt. Sie erscheinen weniger als individuelle Figuren, sondern eher als zwei Facetten derselben Unschuld – ein zarter Gegenpol zu einer Welt, die von Misstrauen und Konflikt geprägt ist.

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