Tanzkritik

Schwarz und Weiß: Ein Abend im Dazwischen

Der dreiteilige Abend des Ballet BC verweigert jede narrative Erfüllung und ist dennoch durchaus gelungen
von Regina Traxler, 07 OKT 2026
A performance photo of the choreography ‘SWAY’ by Medhi Walerski. It shows dancers from Ballet BC, dressed in black trousers and white shirts, against a black stage backdrop, performing a group choreography.

Die Frage drängt sich auf: Schwarz oder Weiß – Kontrast oder doch eine fragile Harmonie? Licht gegen Schatten, Bewegung gegen Stillstand. Und was bleibt am Ende, das man schwarz auf weiß mit nach Hause nehmen könnte? Einen Plot jedenfalls nicht. Trotz Triple Bill-Verstärkung verweigert dieser Abend im Festspielhaus St. Pölten jede narrative Erfüllung – und lässt damit leise faustische Anklänge ins Leere laufen. Was dem Gelingen dieses Abends jedoch nicht im Wege steht. 

Das Ballet BC – BC steht für British Columbia – entführt mit Choreografien von Medhi Walerski, Bobbi Jene Smith & Or Schraiber sowie Crystal Pite vor allem visuell in eine nahezu analoge, streng monochrome Welt. Das Bühnenbild ist und bleibt radikal reduziert: Fläche, Farbe, Licht. Nur in „Obsidian“, dem zweiten Teil des Aufführungs-Dreiteilers, setzt ein Flügel, am Rand positioniert, einen leisen Akzent – als stummer Beobachter eines Geschehens, das vielsinnig changiert.  

„SWAY“: Vom Hoffen und Schwanken

In Medhi Walerskis Choreografie SWAY – ein Titel, der bereits das begriffsimmanente Schwanken, das tastende Sich-Wiegen andeutet – dominieren klare Linien und reduzierte Kostüme: schwarze Hosen, transparente, körpernahe Oberteile. Der Farbcode der Bühne setzt sich an den Körpern fort, die nackt und verletzlich erscheinen. Jede Berührung wirkt ambivalent, oszilliert zwischen Annäherung und Übergriff. Körper kommunizieren. Elektronische Klänge, scharrende Geräusche, rhythmisches Rattern strukturieren den Raum, ohne ihn zu beherrschen, dort, wo anfangs noch klerikal Anmutendes das Ohr zu betören versuchte. Zum Ticken einer computeranimierten Uhr finden Körper zueinander, lösen sich wieder, Formationen entstehen und vergehen. Ein Bystander-Effekt durchzieht die Szene: Beobachtende bleiben passiv, während fragile Beziehungen sich entfalten – oder scheitern. Hoffnung, „the thing with feathers“ (Emily Dickinson) glimmt auf. 

„Obsidian“: Beziehung als Duell zwischen Nähe und Autonomie

Obsidian von Bobbi Jene Smith & Or Schraiber bedient sich tieferer Symbolik: Der vulkanische Stein steht für Schattenarbeit und Transformation, für Verflüssigen und Erstarren. So werden Tanz und Beziehung zum Spannungsfeld. Flamenco-Anklänge prägen die Choreographie – ein Herantasten, Ausweichen, plötzliches Zustürmen, leidenschaftliches Ineinander-Krallen. Drama und Exaltiertheit brechen auf, der innere Konflikt schreibt sich in die Körper der Tänzer:innen ein. Und auch hier wieder – ein Déjà-vu: Zwei Figuren am Klavier, beobachtend, fast wie stumme Zeugen eines Duells. Ein Tanz, der bisweilen an einen Paso Doble erinnert: stolz, gefährlich, einsam. Alleinsein erscheint als Zerrissenheit, die Suche nach dem Gegenüber als Verheißung von Vollendung, die oftmals unerfüllt bleibt. Das Bedürfnis nach Nähe als fortwährende Suche. 

„Frontier“: Wo das Unbekannte den Herzschlag vorgibt

Mit Crystal Pites Frontier verdichtet sich die Atmosphäre und gewinnt an Schwere. Schattentänzer:innen treten auf, animalisch, instinkthaft, rollen sie, Maden gleich, ins Zentrum der Bühne. Nebelschwaden durchziehen den Raum. Ein klassischer Choral erklingt. Bald jedoch verwandelt sich die Musik und erzeugt pulsierende Bässe, einen wummernden Herzschlag, der die Szenerie antreibt. Licht und Dunkel verschlingen einander, Körper winden sich empor, bevor sie sich lösen. Um Halt ringend versuchen die hell gekleideten Akteur:innen die Düsternis auszuloten, dem Unbekannten zu entkommen, doch die Schattenwesen bleiben die treibende Kraft. Kapuzengestalten, mönchsgleich und surreal, erstarren im Gegenlicht, schwarze Stangen mit Fahnen ragen in den Raum. Schemen kriechen heran und türmen sich zu einer Pyramide, die dem Licht entgegenstrebt – nur um schließlich wieder zurückzusinken, an die Bühnenkante, ins lichtlose Verschwinden. So wie die Grenze zwischen Denken und Sein ihrerseits zu flirren beginnt und das Publikum mitreißt.  

Was am Ende dieses Triple Bills bleibt, ist eine eindringliche Bildwelt: Schatten an der Wand, Körper im Zwischenraum, ein permanentes Changieren zwischen Nähe und Distanz, Kontrolle und Kontrollverlust. Hoffnung, die verglimmt und doch wieder aufflackert. Dieser Abend erzählt keine Geschichte – und gerade darin liegt seine Kraft. Er insistiert auf dem Dazwischen, auf dem Unaufgelösten. Schwarz und Weiß? Vielleicht nur das Bewusstsein, dass beides ohne einander nicht existiert.

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